Simbabwe
Zocken auf verbrannter Erde

Seit Jahren geht es im ehemals stabilen Staat Simbabwe wirtschaftlich bergab. Die Inflationsrate kann bald astronomische 100 000 Prozent erreichen, 200 000 Simbabwe-Dollar sind kaum einen Euro wert. Inmitten des Chaos boomt jedoch ausgerechnet die Börse der Hauptstadt Harare.

JOHANNESBURG. Die Lage könnte verzweifelter nicht sein. Simbabwes Staatschef Robert Mugabe ließ kurzerhand ein paar Nullen auf den Preisschildern streichen, um die Hyperinflation zu kaschieren. Doch auch ein Despot, der 27 Jahre an der Macht ist, kann die Gesetze der Schwerkraft nicht aufheben. Die offizielle Teuerungsrate beträgt 8 000 Prozent. Nach Ansicht der Weltbank könnte die Inflation bis zum Jahresende sogar auf über 100 000 Prozent schnellen.

Bis zu viermal am Tag müssen die Mitarbeiter in den Supermärkten inzwischen Preise umetikettieren. Mehr als 10 000 Geschäftsleute und Firmenbesitzer sind in den letzten acht Wochen festgenommen worden, weil sie sich dem Preisdiktator widersetzt haben. Kaum ein Ladenbesitzer hat nach dem Preisstopp noch die Regale gefüllt.

Mit der Operation Dzikiza (Preisstopp) hat Simbabwe einen neuen Tiefpunkt erreicht. Seit der Vertreibung der weißen Großfarmer vor sieben Jahren ist das Sozialprodukt des einstigen Musterstaats in Afrika um über 40 Prozent geschrumpft, allein in diesem Jahr um zwölf Prozent. Verblüffend ist jedoch, dass inmitten des wirtschaftlichen Niedergangs ausgerechnet eine Institution boomt, die eigentlich als Seismograph des ökonomischen Zustands eines Landes dient: die Börse von Harare (ZSE). In den letzten sechs Monaten haben sich die Aktienpreise an der ZSE real mehr als verdreifacht, selbst wenn die Inflation herausgerechnet wird. Die Kurslinie zeigt fast senkrecht nach oben. „In einer normalen Wirtschaft ist die Börse in der Tat ein Spiegel der Ökonomie“, sagt Makler Patrick Saziwa von Kingdom Stockbrokers in Harare. „Bei uns liegt der Börsenboom mehr in dem Mangel an Alternativen begründet.

„In dem hochinflationären Umfeld wird der Aktienmarkt immer attraktiver“, sagt auch Azar Jammine vom Johannesburger Wirtschaftsberatungsinstitut Econometrix. „Denn das Sparen auf einem Bankkonto kommt wegen der Hyperinflation einer glatten Vermögensvernichtung gleich. Und der Immobilienmarkt hat den Nachteil, dass sich Wohneigentum nur schwer wieder verkaufen lässt.“

Die wenigen in Harare verbliebenen Analysten führen ihrerseits zumeist zwei Gründe für den künstlichen Boom ins Feld: zum einen ertrinkt der Markt derzeit in Liquidität, weil die Zentralbank zur Bezahlung der benötigten Benzin– und Stromeinfuhren frisches Geld im Rekordtempo druckt. Denn an den Kreditmärkten kann das Land schon lange kein Geld mehr aufnehmen. Zum zweiten ist der Simbabwe-Dollar (Z$) auf dem Schwarzmarkt kollabiert: Mussten für einen US-Dollar zum Jahresbeginn noch 3 000 Z$ hingeblättert werden, liegt der Schwarzmarktkurs mittlerweile bei 150 000 Z$. Offiziell liegt der Wechselkurs noch immer bei realitätsfernen 1:250.

So ist Simbabwes Börse zu einem gigantischen Kasino mutiert, in das Investoren ihre nunmehr fast vollkommen wertlosen Zimbabwe-Dollar tragen. Kaum jemand achtet dabei noch auf ökonomische Eckdaten wie Gewinn oder Dividende. Brains Muchemwah von der Investmentbank Genesis schätzt, dass die ZSE deshalb auch in US-Dollar gerechnet in diesem Jahr noch um mehr als 40 Prozent gestiegen ist. „Vor kurzem bekam man 200 Aktien des Pharmaunternehmens Medtech noch zum Preis eines Brotlaibs“, sagt Muchemwah. „Heute kostet eine einzelne Aktie des Konzerns soviel wie fast 20 Brote.“

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