Solar Millennium Die Sonne, die Gier und die Blender

30.000 Anleger haben Solar Millennium vertraut - und viel Geld verloren. Auch Politiker, Topmanager und Börsenexperten sind reingefallen. Recherchen des Handelsblatts zeigen ein System aus Gier und Größenwahn.
Update: 20.08.2012 - 20:39 Uhr 23 Kommentare
Firmenschild: Solar Millenium hat Insolvenz angemeldet. Die Anleger bangen um ihr Geld. Quelle: dapd

Firmenschild: Solar Millenium hat Insolvenz angemeldet. Die Anleger bangen um ihr Geld.

(Foto: dapd)

DüsseldorfAlles begann mit dem Turmbau zu Namibia. Geplant war ein gigantisches Bauwerk, das mit fast tausend Meter Höhe zum höchsten Gebäude der Welt werden sollte. Dem Turm sagten seine Planer wahre Wunder nach: Er könne aus heißer Luft Geld machen.

Technisch schien das tatsächlich möglich - mit der Aufwindkraft. Rund um den Turm, so priesen ihn die Planer an, sollte eine weitläufige Fläche mit Glas überdacht werden. Wenn die Sonne darauf scheine, würde sich die Luft unter dem Glas wie in einem Treibhaus erhitzen. Durch das Gebäude, konstruiert wie ein Schornstein, würde die heiße Luft in die Atmosphäre entweichen. Der dabei entstehende Aufwind sollte Turbinen im Inneren des Turms antreiben und so Strom erzeugen.

Die Gründer der Solar Millennium AG (SMAG) traten Ende der neunziger Jahre an, um aus der faszinierenden Idee Geld zu machen. Hannes Kuhn, ein Steuerberater aus Erlangen, Ingenieur Henner Gladen und Rechtsanwalt Harald Schuderer warben in Hochglanzbroschüren für ihr Großprojekt. Die Kosten schätzten sie auf 800 bis 900 Millionen Mark. Das Problem: Es fehlte das Geld.

Um an Startkapital zu kommen, legte das Gründerteam 1998 den "Solar Century Fonds 1" auf. Ein Jahr später folgte der "Solar Millennium Fonds 2". Der Bau eines einzelnen Aufwindkraftwerks sichere eine Rendite von 25,3 Prozent, folge ein zweites, seien es sogar 107,8 Prozent, versprach das Unternehmen 1999. "Mit der Sonne Geld verdienen", hieß der Prospekt. "Unbeherrschbare Risiken" gebe es nicht. Das überzeugte: Rund 1 200 Anleger investierten 16,6 Millionen Mark in die beiden Fonds.

Doch der gigantische Turm wurde niemals gebaut, die Fabelrenditen wurden niemals erzielt. Es blieb bei vielen Konjunktiven: sollte, würde, könnte. Als Ausgleich für ihre Fondsanteile, die nichts mehr wert waren, bekamen die Geldgeber im Jahr 2001 Aktien der neuen Solar Millennium AG.

Der Turm von Namibia sollte nicht das einzige Großprojekt der SMAG bleiben, das sich in Luft auflöste. Die angepriesenen Projekte wurden immer gigantischer - das "größte solartechnische Kraftwerk der Welt" in Jordanien, der "größte Solarkraftwerksstandort der Welt" im kalifornischen Blythe. Doch keines der Prestigeprojekte wurde unter Federführung der SMAG Realität. Nur drei Solarkraftwerke in Spanien und ein Hybrid-Kraftwerk in Ägypten wurden wirklich fertiggestellt.

Eine Geschichte von Gier und Größenwahn
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23 Kommentare zu "Solar Millennium: Die Sonne, die Gier und die Blender"

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  • Was ist denn mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Jörg Meier, der war um 2002/2003 bei der SMAG aktiv.

  • Hallo SMAGler,

    vielen Dank für Ihre offene Kritik und die weiteren Hinweise. Gerne können wir uns zu dem Thema auch direkt austauschen, Sie erreichen mich per Mail: bognanni@handelsblatt.com

    Mit freundlichen Grüßen,

    Massimo Bognanni

  • Ich habe nur bis zu der Stelle gelesen, an der in den Prospekten der Fonds genannten Renditen mit 25% oder sogar 100% angegeben wurde.

    --> Gier frisst Hirn...Wer da nun wieviel Geld aus was für Gründen verloren hat, ist uninteressant.

    Wer nach Bauherrenmodellen in den 80ern und Schott-Ostimmobilien nach der Wiedervereinigung auch Ende der 90er Jahre immer noch an Renditeversprechen jenseits von 10% reingefallen ist, dem kann man eigentlich nur sagen: "Wie gut, dass Du dieses Geld verloren hast, denn Du kannst damit scheinbar eh nicht umgehen." :-)

  • Die Kunst der Akteure des Grauen Kapitalmarktes ist es Illusionen zu wecken und im Anschluss daran das Geld der verzückten Anleger in einem Nichts verschwinden zu lassen. Die Oekoreligion und "Erneuerbare Energien" (so etwas gibt es naturwisschenschaftlich gesehen gar nicht) beruht zu grossen Teilen auf Visionen, Illusionen, viele Menschen glauben an "Erneuerbare Energien" und so haben sich zahlreiche Akteure des Grauen Kapitalmarkts auf "Erneuerbare Energien" konzentriert. <br/><br/>Die Wirtschaftswoche hatte hierzu einen faktenreichen Artikel "Die Geldkollektoren" mit Namen von ehemaligen Graumarktakteuren und deren Rollen bei Solarmillenium veröffentlicht. Dort finden Sie die Fakten.

    Vandale

  • Hallo Lebemann....natürlich sucht jederman seine Sache möglichst gem. der eigenen Interessen darzustellen. Man fokussiert was man fokussieren möchte und schweigt über das was man lieber nicht nennen möchte. So findet man in D kaum einen Bericht über die Giftmüllrückstände der Solarzellenproduktion, oder eine Erwähnung dessen dass Solarstrom im Netz ziemlich wertlos ist.

    Allerdings sind die Beteiligten für formale Informationen wie Geschäftsberichte haftbar und vermeiden in der Regel falsche Zahlen und Fakten.

    Reine Fantasien sind gem. meiner Erfahrung eher in der Politik, bzw. von Betrügern anzutreffen. Was letztere Gruppen unterscheidet mögen andere definieren.

    Vandale

  • Bemerkenswert schlechter Artikel für das HB! Gefährlich obendrein, denn Herr Bognanni hat Fakten und Tatsachen in falsche (auch zeitlich) Zusammenhänge gebracht. Er versteht weder die Technik, noch die Branche. Mehrere Themen (Technik, Projektfinanzierung, EPC, Projektentwicklung) werden in diesem Artikel dargestellt als ob sie von SMAG zur Täuschung der Anleger erfunden wurden. Dabei sind es für die Kraftwerksbranche und Regenerative Branche vollkommen übliche Planungs- und Finanzierungsinstrumente! Kraftwerks-, Wind- Solarprojekte werden weltweit nach diesen Mustern realisiert. Vollkommen üblich!
    Wer SMAG nicht kennt bekommt ein völlig falsches Bild über diese unsägliche Geschichte.
    a) Was zu Kuhn geschrieben wurde stimmt: Privat nett und harmlos, geschäftlich eiskalt, betrachtet alle Akteure nur als seine Marionetten. Oberstes Ziel Geld einsammeln! Ansonsten gilt: Gier frisst Hirn.
    b) Denkanstoss: Wenn Lesker (ehem. Vorstand bei Ferrostaal, war mehrfach in U-Haft) soviele Zeifel hegt(e), warum hat er dann neulich als neuer Chef der Ferrostaal (jetzt im MPC-Beritt) die FLAGSOL (ehem. SMAG Tochter) gekauft?
    c) SMAG war einer der Urväter der DESERTEC-Initiative der sich viele namhafte Unternehmen und Institute angeschlossen haben (Münchner Rück, DLR, usw.). Auf Basis unzähliger Studien zum Thema werben die heute noch für diese Technologie. So allein und einsam waren die Ingenieure bei SMAG nun wirklich nicht mit ihrer Einschätzung der Chancen dieser Technik
    Herr Bognanni, wenn sie mal richtig was aufdecken wollen, dann untersuchen Sie doch mal die Verwendung der 80 Mio USD des Solar Trust of America (ehem. Chef: Uwe Schmitt). Da gibt es noch Reportagepotenzial, damit können Sie noch Meriten erwerben. An dieser Stelle wird sich Ihnen , sofern sie dran bleiben, noch eine ganz andere Dimension erschließen! (Schmitt ist ein Ex-Ferrostaaler, denken Sie mal scharf nach). Ansonsten fragen sie lieber mal Hr. Hoyer von der WiWo oder noch besser NIC .

  • immer wieder dasselbe:
    auf der einen Seite "gierige" Anleger die keinerlei technisches Verständnis besitzen.
    Politiker und "Promis" dies sich vor den "PR-Karren" spannen lassen (mit oder ohne Entschädigung)
    Die Anleger fallen darauf herein und das "russische Roultette" beginnt.
    Hätte man sich die Ausbildung der Führungsspitze, die bisher umgesetzten Projekte und die enstprechenden realisierten Renditen angeschaut. Dazu die technische Seite Probleme im Betrieb, Bauzeit ect. dann wäre schnell klar geworden, dass dies so nicht funktionieren kann.
    Aber solange man mit Hilfe von "Beratern" und Banken Risiken (vor allem in technischer Hinsicht) verschleiern kann werden wir solche Konstrukte immer wieder erleben.

    Fazit:
    EIGENES DENKEN HILFT

  • Solarcraft

    Die im Darstellung im Artikel ist durchaus interessant, da die Fakten nicht jedem bekannt waren. Leider ist die Artikelform wirklich im Stil "wir hatten es ja schon immer gewusst..." geschrieben.
    Das ist nur akzeptabel wenn man Defizite vorher aufdeckt. Nach der Insolvenz könnte es eh jeder wissen.

    Allerdings liest man auch oft, wie auch hier, es gäbe keine Erneuerbare Energien. Ich vermute sie beziehen sich dabei auf den Energieerhaltungssatz (wie hier in diesem Thread @uff21 und @vandale).
    Wenn man sich auf den Energieerhaltungssatz bezieht sollte man ihn auch kennen, zumal er ja nur aus 8 Worten besteht:
    "Die Gesamtenergie in einem abgeschlossenen System bleibt konstant." Betrachtet man die Erde als abgeschlossenes System, so wird sehr wohl permanent solare Strahlungsenergie zugeführt, die man aus der Sicht der Erde als "erneuerbar", da sie ständig neu zugeführt wird, bezeichnen kann. Allerdings wird auch ebnsoviel Energie abgeführt, zumeist ebenfalls als Strahlung. Allerdings ist diezugeführte Strahlungsenergie, ob der höheren Frequenz, besser nutzbar als die abgestrahlte Wärmeenergie. Daher ist umgangssprachlich der Begriff "erneuerbar" oder "nachhaltig" durchaus gerechtfertigt.
    Ich gebs zu, dazu mus man sich kurz Gedanken über Physik machen, aber das ist nunmal so wen man sich auf physikalische Gesetze beruft.
    Einfach ausgedrückt: Auf die Erde wird permanent Solarstrahlung gesendet. Diese Aussage lässt sich leicht in einem Experiment von jedermann überprüfen (die Experimentgestaltung könnte vielfältig sein, da darf jeder seine Kreativität walten lassen).
    Was ich damit sagen will:
    1. Bitte nur über Dinge schreiben die man auch versteht.
    (Spannend in diesem Zusammenhang wäre die Frage wie man den Energieerhaltungssatz erklärt wenn man als geschlossenes System unser Sonnensystem nimmt. Wer kanns erklären?)
    2. Die Nutzung von Solarenergie ist keine Spinnerei, sondern kann und wird und wurde vielfältig umgesetzt.

  • Trotzdem gab es beizeiten auch warnende Stimmen. Einmal der im Blog angeführte Beitrag von Niklas Hoyer in der Wirtschaftswoche im August 2009 und noch früher und andauernd in entsprechenden Diskussionsforen ein Teilnehmer mit dem Pseudonym Nic. Nic, der unter mehreren Decknamen postete, lag von Anfang an richtig. Er sah das Unternehmen als Schwindelcompany lange bevor jemand wie Utz Classen verpflichtel lies.
    Nic könnte nun seine tatsächliche Idendität lüften. Nic, sind sie ein Inider? Bitte posten sie noch einmal. Grüße, unbekannterweise.

  • Die französische Panama-Kanalgesellschaft ging pleite,und trotzdem wurdedas Projekt beendet und ist heute eine cash-cow fuer Panama.

    Genauso ist die Solarenergie ein unglaubliches erfolgsmodell, mit beachtlichen preisstuerzen.

    In Spanien ist die Netzparitaet in 2-3 jahren erreicht.

    In jedem sektor gibt es mauscheleien, abder deshalb, den ganzen sektor mies zu machen: billig.

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