Ungewisses Schicksal der Ölgesellschaft lastet auf den Aktien
Yukos zieht die russische Börse herunter

Sonderschichten statt Urlaubssonne: Moskaus Broker und Vermögensverwalter sind sauer: Sie müssen vor ihren Handelsmonitoren ausharren. Denn die Yukos-Krise hat zu extremen Kursschwankungen am Moskauer Aktienmarkt geführt.

MOSKAU/DÜSSELDORF. Die Händler dürfen daher keine Wendung im Drama um die Zukunft des russischen Ölkonzerns verpassen. Aber der Markt „wird selbst für Moskauer Profis nur noch zur Lotterie“, sagt Florian Fenner, Fondsmanager der russischen Investmentbank United Financial Group (UFG). Yukos dominiere alles – und „wenn es den Yukos-Fall jetzt nicht gegeben hätte, würde der Moskauer RTS-Index bei knapp 1 500 Punkten stehen“, meint Fenner – dreimal so hoch wie derzeit. Private Investoren sollten den riskanten Moskauer Markt einstweilen besser meiden: in Urlaub fahren und gar nichts machen, rät Fenner.

Dietmar Hornung, Experte der Deka-Bank für Schwellenländer (Emerging Markets), charakterisiert die Lage so: „Die Stimmung ist schlechter geworden.“ Dabei hatte vor nicht allzu langer Zeit alles so gut ausgesehen. Im Oktober 2003 bekam Russland von der Ratingagentur Moody’s die Bonitätseinstufung „Investmentgrade“. Damit galt Russland als guter Schuldner, und viele Fonds langten zu. Die Kurse stiegen steil nach oben; bis Mitte April stieg der RTS-Index um mehr als 50 Prozent auf das Rekordhoch von gut 785 Punkten. Dann froren die russischen Behörden – gut ein halbes Jahr nach der Verhaftung von Yukos-Chef Michail Chodorkowskij – das Vermögen des Konzerns wegen Steuernachforderungen in Milliardenhöhe ein. Die Yukos-Aktie brach ein und damit der gesamte Markt. Schließlich hatte Yukos bis zum Absturz noch ein Gewicht im RTS von rund einem Viertel. Derzeit sind es knapp acht Prozent. Der RTS-Index zeigte gestern noch 546 Punkte an. Spekulationen, dass die Ratingagenturen Fitch sowie Standard & Poor’s der Moody’s-Bewertung in diesem Jahr folgen könnten, sind am Bond- wie am Aktienmarkt längst verstummt.

Für Russland-Fachmann Fenner sind nun drei Szenarien denkbar: Sollte Yukos seine Hauptfördereinheit Yuganskneftegaz für zwei Mrd. Dollar verkaufen müssen, um die Steuernachforderungen zu begleichen, „ist der Markt tot für Monate“. Sollte Yukos dafür neun oder mehr Mrd. Dollar erlösen, würde der RTS-Index seitwärts tendieren. Sollte es aber zu einer Einigung mit den Steuerbehörden kommen, „würde der Markt explodieren“. Schon widersprüchliche Berichte, dass Yukos Zahlungsaufschub für die Steuernachzahlungen bekommt, ließen die Kurse gestern steigen. Gleichwohl werde Yukos noch als Einzelfall gehandelt, meint Stephan Maxian, Osteuropa-Analyst der Raiffeisen Centrobank in Wien. Sollten aber auch andere Unternehmen Probleme mit dem Staat bekommen, „hat der ganze russische Markt ein Problem“. Trotz der relativ günstigen Bewertung russischer Aktien bleibt die Raiffeisen Centrobank vorsichtig und erwartet weiterhin kräftige Kursschwankungen.

Nach Meinung von Moskauer Analysten hält vor allem der Ölpreis von über 40 Dollar je Barrel (159 Liter) den von Rohstoffwerten dominierten russischen Markt oben. Allerdings profitieren davon die Ölkonzerne trotz einer Steigerung ihres Rohölausstoßes um 10,2 Prozent in den ersten sieben Monaten 2004 auf 9,1 Mill. Barrel pro Tag und trotz Zunahme des Exports um 20 Prozent kaum noch: Denn die Regierung hat die Exportsteuern auf Öl extrem angehoben.

Volkswirtschaftlich, darauf verweist Neil Gregson, Chef der Emerging-Market-Abteilung der Investmentbank Credit Suisse First Boston, steht Russland nach wie vor gut da: Hohe Ölpreise, wachsende Binnennachfrage, anhaltende fiskalische Stabilität, Reformen und eine vernünftige Geldpolitik unterstrichen den „positiven mittelfristigen Ausblick für die Wirtschaft und den Aktienmarkt“. Die Wirtschaft wächst mit Raten um sechs Prozent.

„Das Russland-Haus hat zwei unterschiedliche Fassaden“, meint Hornung. Die volkswirtschaftlichen Kennzahlen seien hervorragend. Fragen gebe es dagegen zur Struktur der Wirtschaft und zu den Vorstellungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Aus Sicht Hornungs zeichnet sich immer stärker ein „Staatskapitalismus“ ab. Eine Marktwirtschaft westlicher Prägung werde es weder kurz- noch mittelfristig geben. Zur Verbesserung des Länderrisikos seien strukturelle Reformen notwendig, argumentiert der Deka-Volkswirt.

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