US-Börsenaufsicht
SEC bedauert Verbot von Leerverkäufen

Europa verbietet Leerverkäufe auf Finanzaktien. Mit einer ähnlichen Maßnahme hatte die US-Börsenaufsicht auf die Finanzkrise 2008 regiert. Heute sieht sie das Verbot als großen Fehler.
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New YorkIn den USA sprechen sich die meisten Wissenschaftler und Regulierer klar gegen ein Verbot von Wetten auf fallende Kurse aus. "Wenn die Zeiten turbulent werden, ist die Versuchung groß, Leerverkäufe dafür verantwortlich zu machen. Aber in der Realität tut man dem Markt damit keinen Gefallen", sagte James Angel, Wirtschaftsprofessor an der Washingtoner Georgetown-Universität.
Angel und andere Fachleute verweisen auf die Erfahrungen, die US-Behörden im Krisenherbst 2008 mit dem Verbot dieser von Profi-Händlern als "Alltagsgeschäft" betrachteten Art von Wertpapiertransaktion gesammelt haben. Dabei leiht man sich eine Aktie, um sie an der Börse zu verkaufen. Die Hoffnung: Wenn der Kurs fällt, erwirbt man sie zu einem günstigeren Preis zurück. Die Differenz zwischen dem hohen Verkaufserlös und niedrigeren Rückkaufpreis ist dann der Gewinn. Zumindest in der Öffentlichkeit ist die Annahme weit verbreitet, dass diese Strategie unnötig Druck auf Aktienkurse ausübt und zu einem Dominoeffekt führt.

Als die Kurse der US-Institute nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers Mitte September 2008 einbrachen, drängte die Politik die Aufseher deshalb zum Handeln. Die Börsenaufsicht SEC untersagte für die Zeit vom 18. September bis zum 8. Oktober 2008 jegliche Leerverkäufe für 799 Finanzaktien. Die Folge: Die Kurse zogen kurzfristig an - um dann allerdings noch innerhalb dieser Zeitspanne wieder voll auf den alten Abwärtstrend einzuschwenken. Die Maßnahme sei der "größte Fehler" seiner Amtszeit gewesen, urteilte Ende 2008 der damalige Chef der Börsenaufsicht SEC, Chris Cox, über seinen Notfallerlass. Die auf Druck der Politik eingeführte Maßnahme habe die Situation eher verschlimmert als verbessert.
So gut wie jedes in Fachzeitschriften veröffentlichte empirische Forschungsergebnis zeige, "dass die Kursfindung durch das Verbot von Leerverkäufen beeinträchtigt wurde", urteilte etwa Charles Jones, Finanzprofessor an der New Yorker Columbia-Universität. So seien die Kurse der betroffenen Firmen während der Zeit des Verbots stärker gefallen als der Gesamtmarkt. Außerdem sei die Differenz zwischen An- und Verkaufskursen wegen der geringeren Zahl der Wertpapieraufträge drastisch gestiegen. Eine größere Differenz zwischen An- und Verkaufspreis führt zu größeren Sprüngen von einem Kurs zum nächsten. Das bedeutet, das Verbot von Leerverkäufen produzierte sogar erratischere Kursbewegungen.

Einig sind sich US-Wissenschaftler heute, dass die damalige Maßnahme eine Panikreaktion der Politik war. "Ein solches Verbot zeigt nur eines: dass der Politik die Handlungsoptionen ausgegangen sind", sagt Angel.
Allerdings lehrt die Finanzkrise 2008 auch, dass Banker und Politiker in Paniksituationen ähnlich agieren. Denn es waren auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gerade die Topmanager der Banken, die plötzlich die sonst so vehement von ihnen verteidigten Spekulanten dämonisierten. So verlangte damals ausgerechnet der später geschasste Chef der Investmentbank Morgan Stanley, John Mack, ein Einschreiten der Behörden: "Mir ist völlig klar, dass in diesen von Panik beherrschten Märkten Leerverkäufer unsere Aktien massiv nach unten drücken", schrieb er in einem Brief an seine Mitarbeiter.

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  • ungedeckte verbieten!

    gedeckte erlauben.

  • ich finde ungedeckte Leerverkäufe müssten für immer verboten sein was ist das für ein Option! sonst leihe ich mir 1 Millionen Aktien der Fa. xy und ich gehe jede wette ein das der Kurs fehlt wenn ich die auf dem markt werfe braucht kein mensch so was nur gierige Trottels

  • Der Niedergang jeder Kultur beginnt mit der Entmündigung der Leistzungsträger. Wie in KLeinen, so im Großen

    In KLeinen wird der Leistungsträger der Familie entmündigt udn soll eigentlich nur noch dasd Geld ranschaffen. Kinder haben alle Rechte (staatlich verordnet) aber keine Pflichten. Und im Großen haben auch immer die Schuld, die bezahlen sollen.

    Früher hieß es, dass der Recht hat, der das Geld hat
    Heute hat der Schuld, der das Geld hat.

    Eigentlich ist der Staat, wie Krebs
    Keiner will ihn, doch wenn man ihn hat, wird man ihn nicht wieder los.

    Ich würde mich freuen, wenn der Republikaner, besonders die Lady von der Teaparty den nächsten Präsidenten in den USA stellen würde. Ich kann mir gut vorstellen, dass selbst die hochverschuldete USA dann wieder hoch kommt.

    Europa wird ins Vergessen geraten. Aber wer will das wirklich wissen. Kulturen kommen und gehen. Und Europa stirbt langsam vor sich hin.



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