US-Finanzmärkte
Das Gespenst der Inflation

Die meisten Leute wollen von Joseph McAlinden derzeit heiße Aktientipps. Die aber rückt der Chefstratege der Investmentbank Morgan Stanley nicht heraus.

NEW YORK. "Wir halten zwar ein paar wirklich heiße Titel in unseren Fonds, aber die nenne ich lieber nicht, weil wir sie sehr kurzfristig verkaufen könnten", sagt McAlinden, der zehn Jahre lang als Anlagechef Morgan Stanleys 440 Mrd. Dollar schwere Fondssparte leitete und heute den 13 Mrd. Dollar schweren Multi-Asset-Dachfonds persönlich managt.

Den seit Jahresbeginn anhaltenden Aufwärtstrend an den US-Börsen reitet der 63-jährige Wall-Street-Veteran McAlinden zwar mit. Aber er fühlt sich - wie andere grauhaarige Experten - an frühere Boomphasen erinnert, zum Beispiel an das Jahr 1999, kurz bevor die Internet-Spekulationsblase platzte. Bislang bilden Skeptiker wie McAlinden, Marktstratege Richard Bernstein von der Investmentbank Merrill Lynch und der exzentrische Schweizer Fondsmanager Marc Faber eine Minderheit. Die meisten professionellen Beobachter, inklusive US-Notenbankchef Ben Bernanke, äußern sich optimistisch über die Finanzmärkte.

Die amerikanische Wirtschaft und die Unternehmensgewinne werden dieses Jahr weiter kräftig wachsen, lautet die dominierende Meinung. Dabei werde das Wachstum aber nicht so stark ausfallen, dass Inflationsgefahr aufkeimt, welche die amerikanische Zentralbank (Federal Reserve) mit kurs-schädlichen Zinserhöhungen bekämpfen müsste, heißt es. "Goldilocks"-Wirtschaft lautet das Schlagwort für diese Idealphase, in der eine robuste Konjunktur die Börsen antreibt, ohne dass Zins- und Inflationsängste sie bremsen.

Zahlreiche Finanzmärkte reflektieren derzeit dieses hübsche Szenario: Der US-Aktienindex Dow Jones hat seit Jahresbeginn rund zehn Prozent zugelegt. Auch in Asien und Europa steigen die Börsen. Investoren an den Rohstoffmärkten freuen sich über steigende Öl-, Metall- und Goldpreise. Auch die US-Immobilienpreise kennen seit Jahren nur eine Richtung - aufwärts. Selbst die Anleihemärkte halten sich recht stabil, obwohl die straffere Geldpolitik der weltweit wichtigsten Notenbanken die Kurse für festverzinsliche Wertpapiere zuletzt leicht belastet hat.

"Alles scheint zu steigen, und alle fühlen sich reicher", sagt der Schweizer Fondsmanager Marc Faber. Doch der Schein trüge, betont der Aussteiger, der 1993 nach Asien übersiedelte, wo er seine eigene Fondsfirma gründete, seine Haare zum Pferdeschwanz zusammenband und seitdem mit provokanten Thesen als Redner, Buchautor und Börsenkommentator das Finanzestablishment in Zürich, London und New York angreift. "Betrachtet man die Kurse nicht in einer inflationären Währung wie dem Dollar, sondern zum Beispiel in Gold, dann sieht das Bild ganz anders aus", sagt Faber.

Seite 1:

Das Gespenst der Inflation

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%