US-Regierung will Position der Wall Street stärken
Paulson umwirbt Finanzszene

Bei vielen amerikanischen Politikern wächst die Sorge, New York könnte seine Rolle als führender Finanzplatz der Welt verlieren. Nun hat US-Finanzminister Henry Paulson angekündigt, die strikte Regulierung der börsennotierten Gesellschaften zu lockern. Damit soll die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes USA gewährleistet werden.

WASHINGTON. „Dies hat für mich eine hohe Priorität“, sagte Paulson am gestrigen Dienstag auf einer Konferenz seines Hauses zum Thema Finanzmärkte. Der Tenor des hochkarätig besetzten Treffens lautete: Die amerikanische Finanzmarktaufsicht ist aus dem Gleichgewicht geraten. Die Kosten der staatlichen Regulierung sind oft höher als ihr Nutzen. „Wir müssen uns fragen, ob die Balance zwischen dem Schutz der Investoren und der Wettbewerbsfähigkeit unserer Kapitalmärkte noch stimmt“, sagte Paulson.

Anlass für die Tagung war die wachsende Sorge amerikanischer Politiker, New York könnte seine Rolle als führender Finanzplatz der Welt verlieren. So haben andere Finanzzentren wie London und Hongkong der US-Metropole insbesondere bei Börsengängen den Rang abgelaufen. Im vergangenen Jahr fanden nur zwei der weltweit 25 größten Neuemissionen in New York statt. Grund dafür ist allerdings nicht nur die Furcht ausländischer Investoren vor den strikten Bilanzregeln und hohen Klagerisiken in den USA. Vielmehr hat die international Liberalisierung der Kapitalmärkte dazu geführt, dass sich Unternehmen heute auch in anderen Regionen ohne Probleme ihr Kapital beschaffen können. Außerdem wurde auch an anderen Plätzen die Finanzaufsicht gestärkt, so dass Investoren nicht mehr nur in den USA ihr Geld mit einem Mindestmaß an Sicherheit anlegen können.

„Unsere (Kapital-) Märkte sind nicht mehr immun“, sagte Paulson. Nach seiner Meinung muss eine Reform der Finanzmarktaufsicht in den USA drei Bereiche umfassen: Doppelungen einzelner Kontrollbehörden sollten vermieden werden. Diskutiert wird bereits eine Zusammenlegung der Börsenaufsicht SEC mit der Aufsicht für die Terminmärkte in Chicago. Die Bilanzprüfung sollte sich nach Meinung von Paulson stärker an Prinzipien orientieren als zu versuchen, alles zu reglementieren. Und schließlich müsse man sich fragen, ob das Rechtssystem in den USA unberechtigten Anlegerklagen zu viel Raum gebe.

Ex-Finanzminister Robert Rubin beurteilte die Chancen für eine besseren Balance allerdings skeptisch. „In vielen Bereichen sind wir nicht bereit, eine Kosten-Nutzen-Analyse vorzunehmen“, sagte Rubin.

Unterstützt wurde Paulson unter anderem von Warren Buffett. Der Großinvestor berichtete, dass er pro Jahr 24 Mill. Dollar aufwenden müsse, um den neuen Bilanzregeln zu genügen. "Viele Vorschriften sind unnötig", sagte Buffett.

Anne Yerger, Direktorin der Anlegerberatung Council of Institutional Investors, erinnerte daran, dass Bilanzregeln wie das umstrittene Sarbanes-Oxley-Gesetz erst nach den Wirtschaftsskandalen in den USA entstanden seien. „Wir dürfen nicht vergessen, wie es hier vor fünf Jahren aussah“, sagte Yerger.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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