Vorbericht
Wall Street zwischen Hoffen und Bangen

Die US-Aktienmärkte sind stark so wie lange nicht mehr. Marktexperten sehen optimistisch in die kommende Woche. Doch viele Investoren glauben, dass sich die Schuldenkrise in Europa sehr schnell verschlimmern könnte.
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New YorkEs ist paradox: Viele Investoren an der Wall Street beobachten nervös die Schuldenkrise in der Eurozone und gehen davon aus, dass sich die Lage sehr schnell verschlimmern könnte. Und doch legt der US-Aktienmarkt so stark wie schon lange nicht mehr zu. In diesem Jahr ist der Leitindex S&P 500 um zwölf Prozent gestiegen. Die ersten sieben Monate des Jahres waren die stärksten seit dem Jahr 2003. "Wir sind in einem Bullenmarkt", sagt Doug Cole von ING Investment Management in New York. Die Investoren machen nach seiner Ansicht den Fehler, sich zu stark auf die Risiken zu konzentrieren und dabei die tatsächliche Lage von Unternehmen zu übersehen. So haben die im S&P geführten Firmen in diesem Jahr insgesamt einen Rekordgewinn geschrieben.

Doch nicht jeder ist so optimistisch wie Marktexperte Cole. David Joy von Ameriprise Financial in Boston sagt, die Rally sei vor allem von der Hoffnung auf billiges Geld durch die Notenbanken in den USA, Europa und in China getrieben. Ihm gefielen weder die Wirtschaftslage noch die Gewinnausblicke von Unternehmen. Zugleich müsse man einsehen, dass die Notenbanker diese Probleme beiseite wischen könnten. "Gegen die Fed kann man sich nicht wehren", sagt Joy.

Vertreter der Europäischen Zentralbank und der US-Notenbank Fed treffen sich in der ersten Septemberhälfte wieder zu ihren Sitzungen, um über die Geldpolitik zu beraten. Von der EZB erhoffen sich Investoren den Kauf von Staatsanleihen von Krisenländern wie Spanien oder Italien, damit sich die Regierungen billiger Geld leihen können.

Doch auch wenn EZB-Chef Mario Draghi eine derartige Aktion angedeutet hat, bleiben viele Investoren skeptisch. So ist der UBS-Experte Jeremy Zirin der Ansicht, dass die Hoffnungen auf ein Eingreifen der Notenbanker immer wieder enttäuscht wurden. "Die Vorstellung, dass jemand mit der dicken Brieftasche kommt und die Rechnung bedingungslos zahlt, ist wohl lächerlich."

Wer die Hausse an den US-Märkten der vergangenen Wochen verstehen will, sollte sich anschauen, welche Aktien besonders zugelegt haben. Viel Geld - auch aus dem krisengeplagten Europa - wird in traditionell als defensiv empfundenen US-Branchen wie Telekommunikation oder in Versorgungsunternehmen angelegt. Nach einer Erhebung der UBS haben sich die Versorger im Schnitt um ein Viertel besser als der S&P entwickelt. Bei Telekomfirmen beträgt der Aufschlag sogar 50 Prozent.

Investmentexperte Zirin hält deswegen die Höhe der Kurse in beiden Branchen für hoch und legt Geld lieber in Aktien an, die auf Konjunkturschwankungen stärker reagieren und günstiger zu haben sind. Zu den zyklischen Branchen zählt zum Beispiel die Automobilindustrie.

Ob die Strategie aufgeht, ist ungewiss. Dass zyklische Aktien vergleichsweise günstig sind, könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass sich viele Investoren für eine Krise in Stellung bringen. Umso wichtiger ist deswegen die Rolle der Notenbanken.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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