Wegen Wirtschaftskrise
Japan prüft Zinssenkung

Die japanische Notenbank erwägt für Freitag eine Zinssenkung. Durch Analyse des Verhaltens von Anlegern in Geschäften zur Absicherung gegen einen solchen Schritt ermittelte die Credit Suisse heute eine Wahrscheinlichkeit von 52 Prozent für eine Senkung um 0,25 Prozentpunkte.

TOKIO. Am Dienstag lag die Wahrscheinlichkeit noch bei 16 Prozent. Angesichts des globalen Trends zu niedrigeren Leitzinsen kommt das nicht überraschend - bedeutet für Japan jedoch eine Abkehr von der geltenden Strategie. "Die unbarmherzige Natur der Finanzkrise und der einsame Anstieg des Yen zwingen die japanische Notenbank zu einer Antwort", sagt Ökonom Mikihiro Matsuoka von der Deutschen Bank.

Nach einer hausgemachten Bankenkrise in den 90er-Jahren überflutete die Bank of Japan (BoJ) den Markt mit Geld und hielt den Zinssatz bei null Prozent. In den vergangenen zwei Jahren versuchte die BoJ jedoch, zu normalen Werten zurückzukehren. In dem Versuch, die Konjunktur nicht abzuwürgen, blieb sie bisher jedoch bei einem halben Prozent stecken - weit unter dem Niveau anderer entwickelter Industrieländer.

Generell hat Japan gemischte Erfahrungen mit niedrigen Zinsen gemacht. In der Phase des leichten Geldes hatte niemand das Angebot der Zentralbank so recht angenommen. Die Nachfrage der Banken schöpfte das Angebot an billigen Zentralbankkrediten bei weitem nicht aus. Andererseits gilt es als Verdienst der konsequent marktfreundlichen Politik des japanischen Staates, die Wirtschaftsleistung des weltweiten zweitgrößten Industrielandes trotz Krise auf hohem Niveau zu halten.

Experten halten dementsprechend auch den aktuell erwogenen Zinsschritt nicht für übertrieben, obwohl das Ausgangsniveau bereits niedrig ist. "Dies könnte den Abwärtstrend in der japanischen Gesamtwirtschaft aufhalten", sagt Matsuoka. Die Zinsen für Immobilienkredite und für die Unternehmensfinanzierung könnten sinken, während internationale Investoren Japan wieder als Kapitalquelle nutzen könnten. Ein niedriger Yen reizt zur Kreditaufnahme in Japan. Die nötigen Yen-Verkäufe drücken wiederum die Währung, was den Export erleichtert und damit die Aktienkurse stützt.

Die Zentralbank steuert in Japan die Geldversorgung über den Zinssatz für Übernachtkredite an Finanzinstitutionen, die Overnight Call Rate. Dieser Satz befand sich von 1996 an nicht mehr über 0,5 Prozent, so dass der BoJ eine Senkung der Zinsen als Einflussinstrument seit über einem Jahrzehnt praktisch nicht mehr zur Verfügung steht. Die Zentralbank kündigte im Wirtschaftsaufschwung von 2002 bis 2006 zwar mehrfach an, zu "normalen" Zinssätzen zurückfinden zu wollen.

Eine schlechte Erfahrung mit einer verfrühten Zinnsenkung im Jahr 2000 schreckte die Notenbanker jedoch ab. Damals war unmittelbar nach der Entscheidung nach die Konjunktur eingebrochen. Die BoJ ist nur begrenzt unabhängig und koordiniert ihre Politik mit dem Finanzministerium. Japans Regierung sucht derzeit nach Mitteln gegen die Abwertung der Aktien am Handelsplatz Tokio und gegen die Aufwertung des Yen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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