Wer beherrscht die Börsen?
Mensch gegen Maschine

An der Börse hat der Mensch nicht mehr viel zu melden. Maschinen machen den Markt. Kritiker sehen darin die Ursache für viele Pannen. Dabei kann ein Händler aus Fleisch und Blut etwas, das kein Computer kann. Ein Report.
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FrankfurtUm 12.11 Uhr bricht gute Laune aus. „Draghi sagt, dass sie alles tun, um den Euro zu retten“, ruft Michael Thiriot seinen Kollegen zu. Die Meldung ist gerade über einen seiner Bildschirme geflimmert. „Wie bitte?“, fragt einer von schräg gegenüber, als könne er es nicht ganz glauben. „Draghi will alles tun, um den Euro zu retten“, wiederholt Thiriot.

Bis hierhin war es ein ganz normaler Handelstag. Keiner konnte ahnen, dass dieser Tag noch lange in Erinnerung bleiben wird. „Was machen wir jetzt“, sagt Thiriot leise zu sich selbst, den Blick auf die bunten Zahlen auf den Monitoren vor ihm gerichtet. Er überlegt nicht lange. „Kaufen wir doch mal bei Gerry Weber nach.“ Er tippt Zahlen in die Tastatur seines Rechners ein. Geldkurs. Briefkurs. Ein Mausklick. Thiriot hat soeben Aktien der Modefirma Gerry Weber gekauft.

Michael Thiriot ist einer der Letzten seiner Art. Er ist Börsenhändler, genauer gesagt ein „Designated Sponsor“. Er macht die Preise für Aktien. Und er handelt selbst mit Aktien. Sein Arbeitgeber ist einer der größten Broker in Deutschland, die Close Brothers Seydler Bank AG.

Die Börsenhändler sind in den vergangenen Jahren mehr und mehr von Maschinen verdrängt worden. An der Deutschen Börse machen Computer fast die Hälfte des Handelsvolumens - täglich rund fünf Milliarden Euro - unter sich aus, blitzschnell, vollautomatisiert, ohne dass ein Mensch seine Finger im Spiel hat. An den US-Börsen soll der Anteil sogar bei knapp 70 Prozent liegen.

Der Siegeszug der Technik ist nicht ohne Risiko. Die Pannen häufen sich, vor allem in den USA. Im März dieses Jahres endete der Börsengang der US-Börse BATS Global Markets im völligen Chaos, nachdem die Aktie binnen Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent rauschte. Beim Börsengang von Facebook an der Nasdaq im Mai konnte in der ersten halben Stunde kein Kurs ermittelt werden, weil die Technik überfordert war. Am vergangenen Mittwoch kam es erneut zu einer Panne an der New York Stock Exchange (Nyse). Über viele Minuten hinweg gab es extrem hohe Umsätze und heftige Schwankungen bei zahlreichen Aktien. Die Tokioter Börse setzte gestern bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr wegen technischer Probleme den Handel aus. Es scheint, als seien es die Maschinen, die die Börsen beherrschten - und nicht umgekehrt.

Was kann da ein Händler aus Fleisch und Blut noch ausrichten?

Kommentare zu " Wer beherrscht die Börsen?: Mensch gegen Maschine"

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  • " „Erst blinkt es die ganze Zeit im Orderbuch, dann sind auf einen Schlag alle Orders weg. Das ist ganz schön nervig.“

    Diese Erfahrung gemacht und verfolgend - denn meine Aufträge kamen einfach nicht zur Durchführung - hat mich meine Bank aufgefordert, doch an dem betreffenden Börsenplatz zu reklamieren. Es war sogar die Nebenbörse Stuttgart.

    Gesagt getan, aber die Unterhaltung mit dort Verantwortlichen
    führte zu einer derart verwirrenden Erklärung,obwohl sich auf das Orderbuch beziehend, die auch die Bank selbst nicht mehr nachvollziehen konnte.

    Fazit: das ganze System ist derart ad absurdum ausgeartet, mehr als grenzwertig geworden, wie so vieles im Umfeld der gesamten Finanzwirtschaft, die sich inzwischen Finanzindustrie nennt und den Großtei lder heutigen Probleme darstellt: Profit ergaunern, egal wie... bis zum letzlichen Zusammenbruch irgendwann...

    "Es scheint, als seien es die Maschinen, die die Börsen beherrschten - und nicht umgekehrt"

    Diese Maschinen sind nur dazu da, um Geld über geschickte Programme zu vermehren, sogenannte Selbstläufer für die, die sich daran beteiligen.

    Wir sind in einer irrealen Welt einer Verselbständigung durch technische Möglichkeiten angekommen, wo irgendwann Roboter darüber entscheiden werden, wann wie wo was stattzufinden hat.
    Inzwischen gibt es Roboter, die sich selbst duplizieren. Die eingesetzt, ist der Mensch verloren, ausgeliefert einem quod libet, in dem er nichts mehr zu vermelden hat...

    Nachzutragen: die USA scheinen diesem Phänomen strikter entgegenzutreten -deren Handel läuft zu 70% über den Hochfrequenzhandel ab - als Deutschland, die gerade eben nur eine bessere Transparenz geforder haben. Lächerlich ...

  • Wieso glücklicherweise? Sie wünschen mir doch die Pest an den Hals? Oder verstehe ich Ihren Erguß falsch?




  • Ich als Informatiker traue Software gar nichts zu! :-)
    Bisher keine Software gesehen, die mehr kann als ein Mensch kann. Bzgl. Börsentrading heisst das: ausser Schnelligkeit beim Traden und verqueren Algorithmen ist da nichts. Eine Welle erkennt ein Mensch genauso gut oder besser. Aktien kaufen bei Rise, Verkaufen nach einem Zenit ist trivial. Long gehen bei Rise, Short bei Fall auch, nur bei Short geht man schneller raus. Aber so richtig interessant wird es bei Kreislaufgeschäften mit Aktien, Optionen und Devisen. Diese Formeln sind Geschäftsgeheimnisse der 9-stelligen Art.

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