Wirtschaftskrisen
Wenn eine Zwiebel 100 000 Dollar kostet

Es gab eine Zeit, da war eine Zwiebel so teuer wie ein Bauernhof: Im 17. Jahrhundert schnellten die Preise für Tulpenzwiebeln in astronomische Höhen. Der Crash folgte am 7. Februar 1637, es war die erste dokumentierte und auf dem Platzen einer Spekulationsblase beruhende Wirtschaftskrise.

OTTAWA. Nach damaligen Maßstäben wäre Ottawa sehr reich. Das Vermögen ruht in der Erde und kommt im Frühjahr zutage: Tulpenzwiebeln. Hochgerechnet wäre jede Tulpenzwiebel heute 100 000 bis 200 000 kanadische Dollar wert. Bei zwei bis drei Millionen Tulpen, die derzeit in Ottawa blühen, macht das zwischen 200 und 600 Mrd. Dollar. "Ein unermesslicher Reichtum", meint der britische Autor Mike Dash, und verbessert sich: "Es wäre eine unermesslicher Reichtum."

Damalige Maßstäbe angelegt. Gemessen am Preis einer Tulpenzwiebel, der im Februar 1637 in Holland auf dem Höhepunkt der "Großen Tulpenmanie" für eine Zwiebel bezahlt wurde. Die Tulpenmanie, die ihr abruptes Ende am 7. Februar 1637 fand, war die erste dokumentierte, auf Spekulation und dem Platzen der Spekulationsblase beruhende Wirtschaftskrise. Auf Ottawas diesjährigem Tulpenfest ist sie Veranstaltungsthema - passend zur heutigen Finanzkrise.

"Ist es nicht großartig sich vorzustellen, dass Tulpenzwiebeln der wertvollste Rohstoff der Welt sind?" fragt Julian Armour, Direktor des Tulpenfests, das alljährlich im Mai in Ottawa stattfindet. Er spricht vor 300 Zuhörern im Spiegelzelt in einem Park im Zentrum der kanadischen Hauptstadt. Das Fest ist dem niederländischen Königshaus zu verdanken, das alljährlich 20 000 Zwiebeln schickt. Als Dank für die Gastfreundschaft Kanadas im Zweiten Weltkrieg, als das Land der damaligen Prinzessin Juliana und ihrer Familie Zuflucht gewährte.

Unter dem roten Samtdach des Zeltes folgt das Auditorium den wirtschaftshistorischen Vergleichen von Autor Dash. Mitte des 16. Jahrhunderts war die Tulpe aus dem asiatischen Raum nach Westeuropa gekommen. In den Niederlanden stieg die Pflanze zum Statussymbol auf. "Die seltensten Blumen sollten die Gärten schmücken. Tulpenzwiebeln waren eine Rarität." In Kneipen wurden Zwiebeln versteigert. Sie wurden zum Spekulationsobjekt, die Preise stiegen. Terminkontrakte wurden auf Zwiebeln und Zwiebelteile ausgestellt. "Kommt Ihnen das nicht vertraut vor?", fragt Dash. Das durchschnittliche Einkommen einer Handwerkerfamilie habe damals 300 Gulden betragen, für den Lebensunterhalt hätten 280 Gulden gereicht, berichtet er. Was übrig war wurde in Zwiebelzertifikate investiert. In der Hoffnung, sie mit Gewinn verkaufen zu können.

Am 5. Februar 1637 dann der Höhepunkt der Spekulationsblase. In Alkmaar wurden aus dem Nachlass eines Witwers 99 Tulpenzwiebeln für 90 000 Gulden versteigert. Fast 1 000 Gulden für eine Zwiebel - das war ein Fünftel des Wertes eines Hauses in bester Lage Amsterdams. Aber zwei Tage nach Alkmaar kam der Crash: Als ein Auktionator in Haarlem 1 200 Gulden für ein paar Zwiebeln forderte, regte sich niemand. Auch als er den Preis senkte, blieb es still. Hysterie brach aus: Alle wollten verkaufen. In wenigen Wochen verloren die Zwiebeln mehr als 90 Prozent ihres Wertes und viele Bürger ihr Vermögen.

Der Niederländer Jules Muis, ein früherer interner Aufseher der Weltbank, der den Anspruch erhebt, frühzeitig die jetzige Krise vorhergesagt und gewarnt zu haben, kommentiert: 30 bis 40 Krisen habe es seit der Tulpenmanie gegeben, alle getrieben von dem Motiv, "leichtes Geld schnell zu verdienen". Es spiele keine Rolle, ob das Produkt Tulpen, Gold, Immobilien oder die Dot-com-Illusion sei. So wie 1637 habe auch vor der jetzigen Krise jeder gedacht: "Hinter mir kommt jemand, der einen Gulden oder einen Dollar mehr bezahlt."

"Die menschliche Natur ändert sich nicht", wirft die Psychologin Jennifer Berdahl von der Rothman School of Business in Toronto ein. "Wenn jeder eine Hypothek aufnimmt, dann muss man es auch tun." Selbst bei einer offensichtlich falschen Entscheidung folgten die meisten noch dem Herdentrieb. "Da gibt es keine Rationalität."

Im Zelt herrscht Stille. "In Kenntnis all der Ursachen einer Krise - warum haben wir die jetzige Krise nicht rechtzeitig erkannt?", fragt einer. 1637 sei keinem bewusst gewesen, dass es sich um eine Spekulationsblase handelte, sagt Dash. Aber heute wisse man eigentlich genug. Die Kernfrage sei damals wie heute: "Wer will eigentlich die Tulpenzwiebel besitzen, um sie im eigenen Garten einzupflanzen, und nicht nur das Papier haben?" Fast niemand.

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