Zinsängste drücken Stimmung Dax-Ausblick: Eiertanz in den Mai

Dem deutschen Aktienmarkt steht nach Ansicht einiger Börsianer eine schwierige Woche bevor. Die Angst vor steigenden Zinsen könnte positive Quartalszahlen der Unternehmen in den Schatten stellen und weiteren Kursanstiegen im Wege stehen.

HB FRANKFURT. "Wir werden einen wackeligen Tanz in den Mai erleben", sagt Aktienstratege Markus Reinwand von Helaba Trust. Die etwas angestaubte Börsenregel "Sell in May and go away" dürfte sich nach Ansicht der Beobachter zum Auftakt in den Wonnemonat wohl bewahrheiten. Einerseits erwarten sie überwiegend gute Quartalszahlen deutscher Konzerne, andererseits könnten wieder aufkeimende Ängste vor steigenden Zinsen angesichts guter Konjunkturdaten die Stimmung drücken. "Die Zeit ist reif für eine Konsolidierung", prognostiziert Marktstratege Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Im Laufe der vergangenen Woche jagte der Deutsche Aktienindex (Dax) ungeachtet neuer Rekordpreise beim Öl auf ein Jahreshoch von mehr als 6 120 Zählern, sackte gegen Ende der Woche aber wieder auf knapp über 6 000 Punkte ab. "Die 6000er-Marke ist langfristig noch nicht in trockenen Tüchern", sagt Reinwand. Da aber ein Großteil deutscher Konzerne kommende Woche Quartalszahlen vorlegt, darunter viele Dax-Schwergewichte, könnten Befürchtungen über ein Trendumkehr aber noch einmal in den Hintergrund rücken. "Die Unternehmenszahlen machen uns Hoffnung", sagt Aktienstratege Steffen Neumann von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP).

Die Termine der kommenden Woche beginnen erst nach dem Maifeiertag am Montag, an dem nur die Börsen Tokio und USA geöffnet haben. Ab Mittwoch fällt Tokio jedoch aufgrund der "Goldenen Woche" mit drei Feiertagen in Folge komplett aus. In Deutschland ist der Kalender hingegen gut gefüllt: Allianz, Deutsche Telekom und VW laden zu ihren Hauptversammlungen. BMW, Deutsche Bank, Metro, Fresenius Medical Care und Henkel verkünden am Mittwoch ihre Quartalsergebnisse. Am Donnerstag folgen BASF, Deutsche Börse, Eon, MAN, Continental, Commerzbank, Beiersdorf und Linde sowie eine Fülle von Nebenwerten. Mit der Zwischenbilanz der Hypo Real Estate klingt die Dax-Berichtssaison am Freitag dann aus. An diesem Tag stehen auch die monatlichen US-Arbeitsmarktdaten für April im Blick.

In der kommenden Woche geht wieder – und dieses Mal kräftig – der viel zitierte Dividendenregen auf die Anleger nieder. "Es werden insgesamt gut zehn Milliarden Euro ausgeschüttet", sagt LBBW-Experte Schallenberger, "diese Liquidität könnte den Markt noch oben hieven". Zahlen werden zum Beispiel die Dax-Schwergewichte Eon und Deutsche Telekom. Sollten die Ausschüttungen komplett reinvestiert werden, könnte dies den Dax rein rechnerisch um rund 80 Punkte nach oben hieven, hat Schallenberger ausgerechnet.

Auch die Experten der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) gehen davon aus, dass von Unternehmensseite positive Impulse ausgehen. Insbesondere vom Finanzsektor seien entsprechende Signale zu erwarten. Es bleibe "allerdings fraglich, ob die Kursanstiege auf Einzeltitelebene ausreichen werden, um auch den Gesamtmarkt signifikant voranzutreiben", meint LRP-Analyst Michael Köhler: "Angesichts zuletzt zunehmender Belastungen von der Währungsfront könnten insbesondere exportsensitive Titel in den kommenden Tagen vor einer Bewährungsprobe stehen." Unterm Strich geht Köhler "kurzfristig von einer Seitwärtsbewegung im Bereich der 6 000-Punkte-Marke aus".

Ähnlich schätzen technische Analysten des Daytradebrokers ClickOptions aus. "Das Scheitern an der Schwelle von 6 110 Punkten zwingt uns zu einer kurzfristig reservierten Meinung", sagt Matthieu Driol, der als unabhängiger Analyst für ClickOptions arbeitet. "Erst beim erneuten Überschreiten der 6 110 Punkte dürfte die Hausse bis zur Marke von 6 200 Punkten wieder aufgenommen werden", so Driol weiter. Derzeit bewerte er aber die Kursentwicklung eher neutral.

Auch eine Sentimentanalyse von ClickOptions kommt zu einer vergleichbaren Markteinschätzung. Nach dem Scheitern der 6 110er-Marke würden Anleger mit einer kurzen Atempause des deutschen Börsenbarometers rechnen. "Darüber hinaus dürfte sich zumindest ein Teil der Investoren dem saisonal schlechten Image des Monats Mai beugen und bei Neuengagements zurückhaltend bleiben", vermutet auch LRP-Experte Köhler.

Positiver sind die Experten des Stuttgarter Bankhauses Ellwanger & Geiger eingestellt. "Der Dax befindet sich nach wie vor in einem aufwärts gerichteten Dreieck, welches auf die 6 200 Punkte zuläuft. Die Unterstützungslinie liegt bei 6 000 Punkten", schreiben sie in ihrer aktuellen "Marktmeinung aus Stuttgart".

Mit Spannung erwarten Börsianer Konjunkturdaten aus den USA und Europa. "Vor allem der amerikanische Einkaufsmanagerindex wird richtungsentscheidend sein, denn wenn er nach oben wegdreht, schürt das ganz klar wieder die Zinsängste", erklärt LRP-Stratege Neumann. "Das Ende der Zinserhöhungen ist noch nicht absehbar", ist Reinwand von Helaba Trust überzeugt. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) wird sich bei seiner Sitzung am Donnerstag aber wohl noch zurückhalten. "Wir rechnen erst auf der übernächsten Sitzung Anfang Juni mit einer Erhöhung des Leitzinses auf 2,75 Prozent", sagt LBBW-Experte Schallenberger.

Wieder in den Mittelpunkt des Börsengeschehens könnte der Ölpreis rücken. LRP-Analyst Michael Köhler warnt davor, angesichts der jüngsten Konsolidierung beim Öl bereits Entwarnung bei den Rohstoffpreisen zu geben. "Der Ölpreis beinhaltet sehr viel Politisches und sobald sich etwas wegen des Atomstreits mit dem Iran tut, könnte es wieder Ausschläge geben", meint auch Ölanalyst Ralph Herre von der LBBW. In der letzten Aprilwoche verbilligte sich der Preis für ein Fass (159 Liter) US-Leichtöl wieder etwas auf 70,61 Dollar - möglicherweise nur eine Verschnaufpause.

Belastend wirkt die Baisse an den Rentenmärkten. Seit dem Sprung der Rendite bei den zehnjährigen US-Regierungsanleihen über die Fünf-Prozent-Marke sei es zu einem massiven Abverkauf gekommen, heißt es am Markt. Dies sei im Wochenverlauf verschärft worden durch eine chinesische Zinserhöhung. Obwohl diese insgesamt erwartet worden sei, habe man die Nachricht in diesem Umfeld ungern vernommen. Zudem werde immer deutlicher, dass selbst in Japan bis zum Sommer der Leitzins erhöht werden könnte.

Und auch in Europa setze sich der Zinserhöhungstrend ungehemmt fort: Während Volkswirte noch mit einem EZB- Leitzins von drei Prozent per Dezember rechnen, preise der Markt bereits weitere drei Erhöhungen 2006 bis auf 3,25 Prozent ein. Ohne die "befreienden Worte" von US- Notenbank-Präsident Bernanke am Donnerstag dieser Woche wäre es wahrscheinlich nicht zu einer Stabilisierung gekommen, heißt es weiter. Bernanke hatte eine Pause im Zinserhöhungszyklus der US-Bank angekündigt.

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