Zitterpartie an der Wall Street
„Ich wünschte, wir hätten alles hinter uns“

Angst und Unsicherheit beherrschen die Banker an der New Yorker Börse: Seit dem Kollaps der Investmentbank Bear Stearns im März leihen sich die Kreditinstitute kein Geld mehr, aus Angst vor einer möglichen Zahlungsunfähigkeit ihrer Geschäftspartner. Noch schlimmer wiegt die Angst vor einer Panik der Verbraucher - der sichere Tod einer Bank.

NEW YORK. Es ist die penetrant lange klingelnde Eröffnungsglocke, untermalt von einem ebenso penetrant künstlich wirkenden Applaus, der die Parketthändler an der New Yorker Börse jeden Morgen kurz aus ihren Gedanken reißt. Gedanken, die sich derzeit nur um ein Thema drehen: Angst. Angst, nach den Finanzmarktlegenden Merrill Lynch und Lehman Brothers am Wochenende sowie dem Versicherungsgiganten AIG am Mittwoch könnte bald das nächste Wall-Street-Flagschiff von der Krise aufgefressen werden. Manchmal, wenn der Dow Jones zur Eröffnung 300 Punkte fällt, kommt auch Panik auf, es könnte wieder ein Tag voller Unfassbarkeiten sein.

"Niemand weiß, welche Institution bei welchem Pleitier wie stark engagiert ist", sagt Gordon Charlop von Rosenblatt Securities. Das mache die Unsicherheit so groß. "Egal was die Banken und die Aufsichtsbehörden sagen, die Angst ist riesig. Vielleicht haben wir bisher nur die Spitze des Eisbergs gesehen", sagt er zu den Abschreibungen von mehr als 500 Milliarden Dollar weltweit.

Was Charlop meint und seine Kollegen auf dem schmutzig braunen Parkett umtreibt, ist vor allem die Angst der Banker selbst. Die Angst in den Kreditinstituten, die sich seit dem Kollaps der Investmentbank Bear Stearns im März kein Geld mehr leihen. Zu groß ist die Furcht vor einer Zahlungsunfähigkeit der Geschäftspartner. Dies kann dann - wie bei AIG geschehen - auch grundsolide Firmen wegen kurzfristiger Liquiditätsnöte an den Rand des Ruins treiben.

Charlop meint auch die Angst der Anleger, die Bankenaktien verkaufen. Nachdem sich allein durch den Kollaps von Lehman Brothers binnen eines Jahres ein Börsenwert von 45 Milliarden Dollar in Luft aufgelöst hat, steigen viel aus. Abrutschende Kurse verschärfen das Misstrauen der Institute untereinander. Die perfekte Abwärtsspirale.

Auf dem Parkett sieht man in diesen Tagen auch immer häufiger Händler mit Boulevardsblättern in der Hand. Nicht, um die Footballergebnisse nachzuschauen. Hier wird der Puls der Straße gefühlt. Denn seit auch die Massenmedien die Finanzkrise als Thema entdeckt und mit riesigen Überschriften bedenken, wächst in der Finanzszene die Angst vor der Panik der Verbraucher. "Die große Sorge ist, dass die Verunsicherung von den Märkten auf die Verbraucher überspringt. Wenn die anfangen, sich über die Sicherheit ihrer Konten sorgen zu machen, wird es wirklich brenzlig", sagt Arthur Chin, UBS-Händler auf dem New Yorker Parkett - und wendet sich mit einem entschuldigenden Blick wieder den fallenden Kursen zu. Es ist die Horrorvorstellung schlechthin: In Panik geratene Kunden stehen in langen Schlangen vor den Bankschaltern und räumen ihre Konten leer: der sichere Tod einer Bank.

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