50-jährige Anleihe trotz niedriger Rendite heiß begehrt: Profis ticken anders

50-jährige Anleihe trotz niedriger Rendite heiß begehrt
Profis ticken anders

Laien, die das Schauspiel um die neue französischen Anleihe mit einen Laufzeit von 50 Jahren verfolgen, glauben ihren Augen nicht zu trauen. Denn vermarktet wird der Bond – der erste mit einer solch langen Laufzeit in Europa und den USA – mit einem Renditeaufschlag von gerade mal drei bis vier Basispunkten über der 30-jährigen französischen Staatsanleihe.

FRANKFURT/M. Das sind magere 0,03 bis 0,04 Prozentpunkte Renditeplus für eine zusätzliche Kapitalbindung von 20 Jahren. Zunächst hatten die Konsortialführer der Anleihe – BNP Paribas, Deutsche Bank und HSBC – eine Renditespanne von drei bis sieben Basispunkten genannt, die den Kohl aber auch nicht fett gemacht hätte. Diese Spanne wurde dann noch zweimal gesenkt. Und trotz dieser augenscheinlich unattraktiven Rendite konnten sich die Banken vor Interessenten kaum retten. Dem Vernehmen nach gingen bei ihnen Kaufaufträge über rund 15 Mrd. Euro ein.

Der Bond, der heute platziert wird, soll mindestens drei Mrd. Euro, vielleicht sogar fünf Mrd. Euro schwer werden. Der Run auf die Anleihe ist nur schwer zu begreifen. Denn immerhin bietet die gut 30-jährige Anleihe aus Frankreich rund 45 Basispunkte mehr Rendite als die zehnjährige und die zehnjährige wiederum rund 60 Basispunkte mehr Rendite als die fünfjährige Anleihe.

Anleihespezialisten haben für den mageren Renditeaufschlag (Spread) des 50-jährigen Bonds aber eine Erklärung. Die ist jedoch sehr technisch und zeigt einmal mehr, dass professionelle Bond-Investoren völlig anders ticken als Privatanleger: Vor allem spekulative Investoren wie Hedge-Fonds orientieren sich nämlich an den Messzahlen Duration und Konvexität.

Die Duration ist bei der 50-jährigen Anleihe etwa 25 Prozent höher als bei der 30-jährigen. Das heißt, wenn die Rendite einer 30-jährigen und einer 50-jährigen Anleihe um jeweils fünf Basispunkte steigen, fällt der Kurs der 50-jährigen stärker als der Kurs der 30-jährigen Anleihe. Von daher ist prinzipiell die Gefahr von Kursverlusten beim Ultra-Langläufer größer als bei einem 30-jährigen Bond.

Profis schauen aber auch auf die Konvexität. Diese sagt aus, wie Anleihekurse auf schnell steigende Zinsen in kurzer Folge reagieren. Eine hohe Konvexität ist für Anleger vorteilhaft, denn Anleihen mit hoher Konvexität entwickeln sich bei schnell steigenden Zinsen etwas besser als Anleihen mit niedriger Konvexität. Bei der 50-jährigen Anleihe aus Frankreich liegt die Konvexität 75 Prozent höher als bei der 30-jährigen Anleihe des Landes. Deshalb haben wohl auch Hedge-Fonds großes Interesse an dem Ultra-Langläufer.

Die Berechnungen klingen kompliziert, und sie sind es auch. Einfacher erklärt Kornelius Purps, Rentenanalyst bei der Hypo-Vereinsbank, den geringen Risikoaufschlag der neuen Anleihe: „Laufzeiten von 30 Jahren sind schon kaum überschaubar, von daher hat eine 50-jährige Anleihe auch kein viel höheres Risiko als eine 30-jährige.“

Die strategischen Investoren – vor allem Fonds, Versicherer und Pensionskassen – werden eher darauf abzielen, die neue Anleihe zu halten. Die spekulativen Element haben für sie keinen großen Vorteil. Dennoch kaufen gerade auch die Versicherer und Pensionskassen den Ultra-Langläufer trotz des Mini-Spreads wie verrückt. Das hat vor allem regulatorische Gründe.

Nach Reformen der Rechnungslegungsvorschriften müssen Pensionskassen und zum Teil auch Lebensversicherer in den Niederlanden, in Großbritannien und in Dänemark die Laufzeiten ihrer Vermögenswerte denen ihrer Verbindlichkeiten angleichen. Dafür sind lang laufende Anleihen gut geeignet. Privatanleger sollten dagegen die Finger von den französischen Ultra-Langläufern lassen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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