Ahold lässt seine Aktionäre weiter im Ungewissen
"Kannitverstan"

Heißt Enron auf Holländisch Ahold? Die Bilanztricksereien des niederländischen Einzelhandelskonzerns hat Anfang des Jahres böse Erinnerungen geweckt.

DÜSSELDORF. Ähnlich wie bei dem US-Unternehmen ließen sich Bilanzmanipulationen letztlich nicht mehr kaschieren und führten nach Bekanntwerden zu einem radikalen Kurssturz der Aktie. Um insgesamt 500 Millionen Dollar hatte eine US-Tochter ihre Gewinne geschönt – für ein europäisches Unternehmen ein bisher beispielloser Vorgang.

Die Vertrauenskrise an den Finanzmärkten erreichte somit auch das alte Europa. Der Ahold-Skandal riss zunächst sämtliche Handelstitel mit in die Tiefe. Aber auch die größten Ahold-Investoren, beispielsweise die renommierte ING Groep und die Fortis-Bank, gerieten in den Abwärtssog. Rund sechs Milliarden Euro Börsenkapitalisierung waren allein bei Ahold verpufft.

Diese Strafe, die dem Zwölffachen des offensichtlich angerichteten Schadens entsprach, erschien den Märkten dann doch zu hoch. Doch noch heute erreicht der Ahold-Kurs nicht einmal ein Viertel des zeitweiligen Spitzenwertes.

Noch immer warten die Anleger auf valide Daten aus dem Unternehmen. Auch der neue Vorstandschef Anders C. Moberg war bisher nicht in der Lage, eine Bilanz für das Geschäftsjahr 2002 zu präsentieren, die einer Überprüfung standhält. Bis zur letzten Sekunde will auch Aufsichtsratschef Henny de Ruiter die Galgenfrist der Banken auskosten, die mit einer kurzfristigen Finanzspritze den Konzern am Leben erhielten. Doch am 30. September müssen alle Karten auf dem Tisch liegen.

Und so kochen die Gerüchte hoch, denn die Zukunft des drittgrößten Einzelhandelskonzerns der Welt bleibt ungewiss. Die neuen Ahold-Verantwortlichen ließen selbst einen Versuchsballon steigen, indem sie eine Kapitalerhöhung von angeblich zwei Milliarden Euro ins Spiel brachten, um die amerikanische Tochter US-Foodservice nicht an den erstbesten Mitbewerber abgeben zu müssen. Der Kapitalmarkt zeigte sich unerbittlich und schickte den Ahold-Kurs wieder auf Talfahrt. Auch die Zeichner von Unternehmensanleihen sind über den JunkBond-Status ihrer Papiere empört.

Den Schlamassel letztlich verantworten müssen Ex-Ahold-Chef Cees van der Hoeven und sein damaliger Finanzchef Michiel Meurs. Ihnen ist die hemmungslose weltweite Expansion des Handelskonzerns anzulasten, die schließlich zum Kurs-Kollaps führte. Strafanzeigen wegen Betrugs, Bilanztricks und Insiderhandels laufen.

Doch der Skandal, der unsere holländischen Nachbarn bis ins Mark erschütterte – jeder Dritte niederländische Privatanleger besitzt Ahold-Papiere –, kam nicht aus heiterem Himmel. Bereits im Februar 2002 hatte UBS Warburg auf Ungereimtheiten in der Buchführung des Unternehmens hingewiesen. Probleme mit den Ahold-Niederlassungen in Argentinien kosteten im Juni des vergangenen Jahres 410 Millionen Euro. Der Aufsichtsratschef, dem van der Hoeve damals schon seinen Rücktritt angeboten haben soll, heißt übrigens – damals wie heute – Henny de Ruiter.

Alle Beteiligten warten immer noch auf eine lückenlose Aufklärung der Umstände, die zum Desaster führten – ganz im Sinne des Unternehmengründers Albert Heijn, der 1887 in Zaandam einen Tante- Emma-Laden eröffnete. Hätte man ihn auf die Risiken angesprochen, die die Globalisierung seines Geschäftes mit sich bringen könnte, hätte er mit Sicherheit geantwortet: „Kannitverstan“.

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