Aktienkurs schnellte nach oben
Anleger befürchten ein Déjà-vu

An Anatolij Tschubajs scheiden sich die Geister: Seinen Posten als russischer Vizeministerpräsident hatte er nach Korruptionsvorwürfen räumen müssen. Mittlerweile ist er Chef des weltweit größten Stromerzeugers, Vereinte Energiesysteme Russlands (UES), doch die Privatisierungsskandale der 90er haben seine Glaubwürdigkeit bei vielen Investoren nicht eben gestärkt. So befürchten Minderheitsaktionäre, bei der am vergangenen Freitag gegen ihre Stimmen vom Aufsichtsrat beschlossenen Aufspaltung des Konzerns über den Tisch gezogen zu werden.

MOSKAU. Der Konzern befindet sich noch zu 52 Prozent in Staatsbesitz, beschäftigt 680 000 Mitarbeiter und erzeugt in 400 Kraftwerken Strom. Er soll jetzt in Kraftwerksgesellschaften, ein Leitungsmonopol und Vertriebsfirmen aufgespalten werden. Privatisiert werden sollen Kraftwerke und Vertrieb. Das Leitungsnetz will der Staat kontrollieren. Laut Tschubajs sollen nur UES-Aktionäre Beteiligungen erwerben können, indem sie ihre Aktien eintauschen.

Auffällig war die Reaktion der Börse auf die Aufspaltung: Der Aktienkurs schnellte innerhalb einer Woche um rund ein Drittel auf den höchsten Stand seit fünf Jahren nach oben. Seit Jahresbeginn legten die Titel um rund 80 Prozent zu.

Ist nun aber die Luft raus? Hartmut Jacob, Analyst der Moskauer Investmentbank Renaissance Capital, sagt: „Ja“; Florian Fenner, Fondsmanager beim Broker United Financial Group, antwortet: „Nein“.

Die Aktie sei sehr gut gelaufen und biete kaum noch Potenzial. „UES ist auf dem jetzigen Niveau fair bewertet“, begründet Jacobs seine Haltung. Der Stromgigant sei „ein sehr spekulatives Papier, nur etwas für Kurzfrist-Anleger“. Denn langfristig drohten wegen der Aufspaltung des Konzerns Risiken.

Dem widerspricht Fenner: „Die Oligarchen genannten russischen Großunternehmer managen Kraftwerke, die sie nach der Aufspaltung mit ihren UES-Aktien kaufen können, doch besser als der Staat.“ Deshalb erwartet der Fondsmanager einen Anstieg von derzeit 24 US-Cent im RTS-Handelssystem auf 30 Cent. UES sei der beste Weg, in den russischen Strommarkt einzusteigen.

Damit wäre man wieder bei Tschubajs – dem Konzernchef mit der Reputation, den Oligarchen die Filetstücke der Wirtschaft zu Ausverkaufspreisen zugeschanzt zu haben. Tschubajs hält dagegen. Damit seine von nun an fünf Jahre dauernde Reform nicht wieder nur zu einem Geschenkpaket für Russlands Neureiche wird, wirbt der Konzernchef um westliche Investoren: Wer mit dem Einstieg bei UES abwarte, bis die Reform vollzogen sei, zahle einen erheblichen höheren Preis. Insgesamt rechnet er mit 50 Milliarden Dollar an Investitionen, die der russische Stromsektor benötige.

Wer aber Aktien des Molochs kaufen will, muss sich ohnehin beeilen. Denn die Oligarchen haben sich längst bei UES eingekauft. Machten die frei gehandelten Aktien des Giganten vor einem halben Jahr noch 45 Prozent aus, so sind mittlerweile laut Renaissance-Research nur noch acht Prozent im Streubesitz.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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