Alles, was nach Garantien riecht, kommt auf den Prüfstand
Die Strategie der Zurich wirft Fragen auf

Versicherer orientiert seinen Kurs an den Erwartungen des Kapitalmarkts, was aber erwarten die Kunden?

DÜSSELDORF Ein Mann räumt auf. Es vergeht mittlerweile fast keine Woche, in der nicht James Schiro, Vorstandschef des Schweizers Versicherungskonzern Zurich Financial Services (ZFS), den Verkauf einer Randbeteiligung bekannt gibt. Die dicksten Brocken, wie den Vermögensverwalter Threadneedle, ist der umtriebige Amerikaner bereits los. Die Börse und Analysten feiern die Aufräumarbeiten bei der Zurich-Gruppe.

Schiro unterwirft den Konzern jetzt konsequent den Erwartungen der angelsächsisch geprägten Analystenwelt. Dort ist derzeit das Nicht-Leben-Geschäft angesagt, denn die Prämien steigen hier nach jahrelangem Verfall stark an. Auch das Leben-Geschäft wird mit Blick auf die Kapitalgeber umkrempelt: Alles, was nach Garantien riecht, kommt auf den Prüfstand. Mit dieser Strategie ist Schiro zwar heute der Applaus sicher. Langfristig wirft sein Kurs aber auch Fragen auf.

Angesichts der starken Preisschwankungen im Nicht-Leben-Geschäfts ist Schiro gut beraten, den Konzern nicht gänzlich auf diese Sparte auszurichten. Im Gesamtkonzern machte das Leben-Geschäft im Jahr 2002 nur noch rund 31 Prozent der gesamten Einnahmen der Gruppe aus (Vorjahr: 32 Prozent). Das Nicht-Leben-Geschäft kommt auf einen Anteil von 48 Prozent (42 Prozent).

Aber immer, wenn im Geschäft mit Sach- und Haftpflichtpolicen die Prämien im Zyklus nach unten drehen, rufen Analysten gerne nach den stabilisierenden Erträgen aus dem Lebensversicherungsgeschäft. Und die Preise im Nicht-Leben-Geschäft werden früher oder später Tages erneut sinken. Spätestens, wenn die Kapitalmärkte wieder im normalen Umfang Erträge abwerfen, werden die ersten Wettbewerber schwach und die Preise senken.

Auch das Lebensversicherungsgeschäft wird im Zurich-Konzern für die Kapitalmarkt-Akteure hübsch gemacht, sprich, risikoärmer gestaltet. Die gesamte Branche sieht der Zurich-Chef Schiro sowieso im Umbruch: Verträge mit garantierten Leistungen gehören für ihn bald der Vergangenheit an. Aber dies kann man auch anders sehen.

Schiros Sicht der Dinge ist offenbar vom Bilanzstandards IAS geprägt: Dieser verlangt die Bilanzierung sowohl von Verpflichtungen wie Garantien (Passiv-Seite) als auch von den Investments (Aktiv-Seite) zu Marktwerten. Wer also als Versicherer langfristig Garantien für die Kunden finanzieren will, muss entweder extrem vorsichtig und damit renditearm die Prämien anlegen. Oder er muss die Wertschwankungen der Anlagen wie Aktien mit dicken Eigenkapitalpolstern abfangen. Da aber Eigenkapital teuer ist, kosten Garantien den Versicherer Geld. Folglich will die Zurich-Gruppe lieber Gebühren für die Verwaltung der Anlagen bekommen – und das Kapitalmarkt-Risiko dem Kunden überlassen. Bei dem so ausgestalteten Lebensversicherungsgeschäft stellt sich aber dann die Frage, was es noch vom Vermögensverwaltungsgeschäft unterscheidet – von dem sich die Zurich-Gruppe gerade trennt.

Aus Bilanz- und KapitalmarktSicht mag zwar diese Umgestaltung der Leben-Sparte Sinn machen. Die Frage ist aber: Macht es auch für die Kunden Sinn? Gerade in schwankenden Börsenzeiten sind Garantien gefragt. Vielleicht fahren gerade diejenigen Versicherer langfristig besser, die auch in der IAS-Welt ihren Kunden Garantien bieten, als jene Wettbewerber, die aus bilanztechnischen Gründen im Lebensversicherungsgeschäft auf risikoarme Gebührenmodelle setzen. Denn wer die Kundenwünsche ignoriert, dürfte auch an der Börse langfristig nur schwer Erfolg haben.

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