An der Börse drohen 2006 negative Überraschungen
Den Rest für die Dummen

Das Börsenjahr 2005 macht Appetit auf mehr. Doch Vorsicht: Dieses Mehr wird nach Auffassung der Gilde der Wertpapieranalysten spärlich ausfallen.

FRANKFURT. Auf nur sieben bis neun Prozent wird das Kurspotenzial der Weltbörsen für das Jahr 2006 veranschlagt. Im Vergleich mit dem bei vier bis fünf Prozent liegenden Kapitalmarktzins sind Aktien durchaus reizvoll. Das aufgezeigte Kurspotenzial ruft jedoch den Börsen-Altmeister André Kostolany in Erinnerung. „Mein lieber Freund, überlassen Sie die letzten zehn Prozent Kurspotenzial an der Börse den Dummen.“ Mit solch simplen und dennoch eindringlichen Worten fand der Börsen-Lehrmeister stets Wege, die in Aktien lauernde Gefahr aufzuzeigen. Warum, so die These, sollte man das Risiko von Aktieninvestments eingehen, wenn für diese Bereitschaft nur eine drei bis vier Prozent über dem Anleihezins liegende Rendite herausspringt?

Kritiker dieser „alten, unmodernen Lehre“ sagen, die Welt sei auf den Kopf gestellt und habe sich verändert. Damit hätten bisher geltende Einflussfaktoren und Abläufe an den Börsen keine Gültigkeit mehr. Richtig ist jedoch, dass sich viele Dinge noch immer wiederholen - Jahr für Jahr. So auch die zur Jahreswende traditionelle Flut von Börsenprognosen.

Auch in diesem Jahr sind die Analysten-Studien – das liegt wohl in der Natur des Menschen – durch Optimismus gekennzeichnet. Anleger, die sich von dieser „Inflation der Meinungen“ beeindrucken und beeinflussen lassen, laufen Gefahr, falsch zu investieren. Bekanntlich liegt die Mehrheit der Analysten und Anleger an den Börsen ab einem bestimmten Zeitpunkt des Börsenzyklus immer falsch.

Analysten der Banken sind für 2006 unisono „gedämpft optimistisch“. Anleger sollten diese Mehrheitsmeinung kritisch hinterfragen – und zwar in beide Richtungen. Sind die Analysten zu optimistisch oder zu pessimistisch? Für Anleger gilt es, die eigene Analyse der Finanzwelt mit nicht vorhersehbaren und auch nicht kalkulierbaren positiven und negativen Überraschungen zu ergänzen. Also mit jenen Faktoren, die Aktien-Analysten in ihren Modellen nicht unterbringen. Die Experten sind schließlich gehalten, einen „normalen und störungsfreien Verlauf“ der Welt vorauszusetzen - für das Undenkbare, für Überraschungen haben sie meist keinen Raum.

Wahrscheinlicher als positive sind im Jahr 2006 wohl negative Überraschungen. In einer Zeit, in der erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt ein zarter Hauch von Inflation in der Weltwirtschaft wahrgenommen wird, in der Ungleichgewichte im Welthandel immer deutlicher sichtbar werden, in der der Kampf um knapper werdende Rohstoffe geopolitische Spannungen auszulösen droht und in der die Verschuldung als ernstes Problem gesehen wird, werden möglicherweise einmal mehr jene die Dummen sein, die auf die letzten zehn Prozent Kursgewinn bei Aktien nicht verzichten wollen.

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