Anleiheinvestoren geben sich mit zu wenig zufrieden
Verrückte Bond-Welt

Wer vor drei Jahren vorausgesagt hätte, dass Unternehmensanleihen und Bonds aus Schwellenländern Anfang 2005 nur noch wenig mehr Rendite als Bundesanleihen abwerfen, wäre für verrückt erklärt worden. Doch genau so ist es gekommen. Verrückt ist die Lage trotzdem.

FRANKFURT/M. Unternehmensanleihen mit einem Rating im Bereich Dreifach-B – das sind zwischen sieben und neun Stufen weniger als das Top-Rating der Bundesrepublik – erreichten gestern ein historisches Renditetief. Nach dem Index von FTSE bieten die Bonds im Schnitt nur noch 0,62 Prozentpunkte mehr Rendite als Bundesanleihen. Und Anleihen von künftigen EU-Beitrittskandidaten wie Rumänien, Bulgarien oder Kroatien rentieren nur noch 0,30 bis 0,70 Prozentpunkte über sicheren Bundespapieren. Dabei werden die Länder zum Teil noch als schwache Schuldner mit Ratings unterhalb des sicheren „Investment-Grade“ eingestuft. Für Anleihen der neuen EU-Mitglieder, die zwar gute, aber immer noch wesentlich schlechtere Bonitätsnoten als der Bund haben, gibt es nur noch zwischen 0,10 und 0,15 Prozentpunkten mehr Rendite als für Bundesanleihen.

Erklären lässt sich dies nur mit der Struktur des Marktes und damit, dass Anleiheinvestoren kaum noch Angst vor Risiken haben. Vor knapp drei Jahren war das anders. Damals ließen spektakuläre Unternehmenspleiten wie die von Enron oder Worldcom die Risikoaufschläge in die Höhe schießen. Im Sommer 2002 lagen die Risikoaufschläge von Unternehmensanleihen mit Ratings im „BBB“-Bereich bei 2,50 Prozentpunkten. Gleichzeitig flohen die Anleger in Scharen in sichere Staatsanleihen der Euro-Zone und aus den USA. Die Folge: Deren Kurse stiegen, und ihre Renditen sanken – in Deutschland bei einer Laufzeit von zehn Jahren auf unter fünf Prozent.

Auf diesem Renditeniveau begannen Anleger nach Alternativen zu greifen und fanden diese in Anleihen mit mehr Rendite. Aber auch Staatsbonds blieben in Mode und sind es bis heute. Kurzum: Anleihen aller Art sind extrem gefragt. Die Rendite zehnjähriger Bundesbonds fiel vergangene Woche bis auf ein historisches Tief von 3,42 Prozent.

Ein weiterer Grund für die Rentenhausse ist, dass Versicherer und Pensionskassen enorme Mengen an Geld anzulegen haben. Und auch Fonds können sich vor Geld kaum retten. Denn selbst Privatanleger greifen weiter vor allem zu Rentenfonds.

Verständlich ist das nicht. Es ist abzusehen, dass die Risikoaufschläge nicht mehr lange so niedrig bleiben werden. Wann die schon lange prognostizierte Wende bei den Staatsanleihen kommt, steht zwar nicht fest. Aber wenn die Renditen der sicheren Staatsanleihen wieder etwas anziehen, müsste das den Unternehmensanleihen und den Bonds der Schwellenländer schaden. Durch steigende Renditen der Staatsbonds würde sich der Renditeabstand zu diesen Papieren noch weiter verringern.

Dass Anleger aber noch geringere Risikoaufschläge akzeptieren, ist kaum vorstellbar. Deshalb ist davon auszugehen, dass sie riskantere Anleihen verkaufen, wenn die Renditen der Staatsanleihen steigen und die Staatsbonds wieder attraktiver werden. Von daher macht es keinen Sinn, jetzt noch groß in Anleihen – egal welcher Art – einzusteigen. Für Privatanleger sind allenfalls noch kurz laufende Anleihen zu empfehlen, deren Risiko zumindest überschaubar ist. Außerdem können Investoren ihr Geld in diesen Anleihen parken, bis sich wieder attraktivere Investitionsmöglichkeiten an den internationalen Anleihemärkten auftun.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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