Anleiherenditen liegen unter dem Niveau von 1896
Wie im Kaiserreich

Die ständig fallenden Anleiherenditen treiben Anleger zur Verzweiflung. Mit 2,99 Prozent liegt die durchschnittliche Rendite deutscher Bundeswertpapiere niedriger als im Kaiserreich 1896. Damals war die Währung noch an den Goldstandard gekoppelt. Die Weltwirtschaft befand sich seit den frühen 1890er Jahren in einer Depression, die dann 1896 in einer Deflation, also ständig fallenden Preisen, mündete.

HB FRANKFURT. Von diesem Szenario kann heute keine Rede sein. Die Aussichten für das globale Wachstum trüben sich zwar zunehmend ein, eine Rezession ist aber nicht in Sicht. Dennoch kaufen vor allem professionelle Anleger scharenweise Bonds. Das lässt deren Kurse steigen und die Renditen fallen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe fiel gestern bis auf 3,21 Prozent und damit ein neues Allzeittief in der bundesdeutschen Geschichte. Das liegt daran, dass die professionellen Investoren – anders als die Anleger zu Kaisers Zeiten – Anleihen nicht einfach bis zur Fälligkeit halten, sondern auf den Gesamtertrag aus Kursgewinnen und Zinsen setzen. Und viele Anleger haben sich zum Jahresanfang verschätzt. Sie erwarteten fallende Bondkurse und steigende Renditen. Deshalb hatten sie nur wenig lang laufende Anleihen im Portfolio. Jetzt versuchen sie doch noch mit dem Markt Schritt zu halten und kaufen nach. Wenn dann einige Investoren zwischenzeitlich Gewinne mitnehmen, und die Rendite leicht stiegt, sehen Profis gleich wieder Einstiegsniveaus.

Weil sich außerdem das Klima der Weltwirtschaft verschlechtert, setzen immer mehr Investoren darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen von derzeit zwei Prozent senken wird. Daran ändert auch die offiziell abwartende Haltung der Notenbank nichts. Gleichzeitig wird die Inflationsrate laut Prognosen im nächsten Jahr auf 1,5 Prozent sinken.

Vor diesen Hintergründen ist es extrem unwahrscheinlich, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen in diesem Jahr wieder über die Marke von vier Prozent steigt. Kurzfristig sind sogar noch weitere Renditerückgänge möglich. Für Privatanleger, die Anleihen bis zur Fälligkeit halten, macht es aber keinen Sinn, jetzt noch lang laufende Staatsanleihen zu kaufen. Denn wer noch ein halbes Jahr wartet, sollte für eine zehnjährige Bundesanleihe zumindest wieder Renditen um die 3,60 Prozent bekommen.

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