Auf dem Weltölmarkt sind Prognosen kaum möglich
Instabile Balance

Die Weltölmärkte sind in einer gefährlichen Unordnung. Ölpreisprognosen erweisen sich als ein riskantes Spiel. Die Treffergenauigkeit war schon immer gering. Doch ist die Fehlerquote 2004 besonders krass. Ende 2003 rechnete die Mehrzahl der Experten mit einem Rohölpreis von etwa 25 Dollar je Barrel (159 Liter) im Durchschnitt des laufenden Jahres. Tatsächlich lagen die Notierungen aber phasenweise mehr als doppelt so hoch.

HB DÜSSELDORF. Als großes Rätsel hat sich die Nachfrageentwicklung erwiesen. Der stürmische Absatzaufschwung in Asien, vor allem in China und Indien, ist in allen Hochrechnungen nicht antizipiert worden. Das statistische Material, besonders aus den Schwellenländern, ist einfach zu fehlerhaft. Hinzu kommt, dass die preisbedingten Verbrauchseffekte weltweit kaum abgeschätzt werden können. Die Ölpreiselastizität ist zwar kurzfristig gering; doch gibt es Reaktionen mit einem Jahr Verzögerung. Dies zeigte sich zumindest während der Entwicklung nach der ersten Ölpreiskrise 1973/74. Die Rekordmarken in diesem Jahr könnten daher Bremseffekte beim Ölkonsum auslösen. Sollte Chinas Boom ins Stocken geraten dürfte das Wachstum der Weltölnachfrage nur noch 1,0 bis 1,5 Prozent im nächsten Jahr ausmachen. 2004 waren es fast 3,5 Prozent.

Eine offene Flanke stellt auch die Kapazitätsentwicklung dar. Sicher ist, dass die Produktionspotenziale wachsen, ungewiss bleibt die Größenordnung. Damit steht nicht fest, ob die extrem niedrigen freien Kapazitätsreserven nachhaltig erhöht werden. Der freie Produktionspuffer von 1,0 bis 1,5 Mill. Barrel pro Tag – bei einem Weltölverbrauch von mehr als 82 Mill. Barrel – muss mindestens verdreifacht werden, um überraschende Entwicklungen abfedern zu können. Erst dann wird die Spekulationsprämie von zehn bis 15 Dollar je Barrel dauerhaft abgebaut.

Ein weiteres Ungleichgewicht entsteht dadurch, dass die Raffineriekapazitäten vor allem im wichtigsten Verbraucherland USA auf Messers Schneide stehen. Trotz eines stetig wachsenden Ölkonsums liegt der letzte Raffinerieneubau 28 Jahre zurück. Die Raffinerien werden mit den global schwankenden Qualitäten der Rohölsorten auf der einen Seite und mit den fast von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlichen Mineralölprodukt- Spezifikationen auf der anderen Seite kaum fertig. Es hilft daher nur wenig, wenn Saudi-Arabien seine Produktion an schweren schwefelreichen Rohölsorten erhöht, in den USA aber daraus nicht die gewünschten Produkte kostengünstig erstellt werden können.

Vor diesem Hintergrund der vielen Unbekannten kommt es nicht überraschend, dass Ölfirmen trotz der Rekordpreise verhalten investieren wollen. Die Planungen basieren im Schnitt lediglich auf Erdölpreisen im Bereich von 20 Dollar. Prognosen gleichen damit einer Gratwanderung: Bleibt die Nachfrage doch überraschend hoch, sind Ölnotierungen zwischen 40 und 60 Dollar zu erwarten. Schwächt sich Nachfrage aber ab und beruhigt sich die geopolitische Lage im Nahen Osten, ist ein Preisrückgang auf Werte um die 30-Dollar-Marke in Sicht. Dies setzt aber schon voraus, dass die Opec-Staaten dann rechtzeitig ihr Angebot koordiniert drosseln; sonst droht sogar ein Preiskollaps.

Angesichts der instabilen Balance – echte Mangellagen hat es bisher nicht gegeben – sind robuste Preisprognosen kaum möglich. Es kann ein plausibler Preiskorridor zwischen 20 und 60 Dollar je Barrel begründet werden – eine fatale Lage für Investoren und Spekulanten. Eine 35- bis 40-Dollar-Orientierungsgröße erscheint allerdings für eine Wette verdaubar.

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