Aus Fehlern gelernt
Nokia ist angeschlagen, aber nicht ausgezählt

So schnell werden die vielen Nokia-Aktionäre den 6. April dieses Jahres nicht vergessen. An diesem Tag hatte der finnische Handy-Weltmarktführer seinen erfolgsverwöhnten Aktionären eine wenig angenehme Botschaft parat: Statt des für 2004 erwarteten Umsatzwachstums von 3 bis 7 % ist ein Rückgang von bis zu 2 % zu erwarten.

HB STOCKHOLM. Noch am gleichen Tag brach der Aktienkurs um 16 % ein und seit dem Zwischenhoch Anfang März haben die Nokia-Aktionäre sogar fast 40 % eingebüßt. Nokia hatte, und das räumt heute auch die Konzernleitung unter Führung von Jorma Ollila ein, einige Trends verschlafen und damit den immer schneller fahrenden Mobilfunkzug für eine kurze Zeit aus den Augen verloren. Größter Fehler war nach Ansicht der meisten Experten, dass Nokia den Trend der zusammenklappbaren Handys verschlafen hatte. Diese so genannten Clamshell (Muschel)-Modelle stehen derzeit für 40 % aller verkauften Mobiltelefone. Nokia hat bisher nur ein einziges Klapphandy auf dem Markt.

Doch das war nicht die einzige schlechte Nachricht: Der Handy-Absatz stieg zwar im 1. Quartal um 19 %, allerdings blieb er damit weit hinter dem durchschnittlichen Wachstum in der Branche von rund 30 % zurück. Das heißt, der Branchenführer verliert zum ersten Mal seit Jahren deutlich Marktanteile.

Noch Ende vergangenen Jahres dominierten die Finnen den Mobiltelefonmarkt mit einem Weltmarktanteil von über 37 %. Später gab der Branchenführer zu, dass der Anteil auf etwa 35 % gesunken sei. Und es mehren sich die Anzeichen für eine weitere offizielle Korrektur aus dem Hause Nokia. Denn mehrere Researchhäuser haben in den vergangenen Tagen nachgerechnet und sind zu dem Schluss gekommen, dass der Weltmarktanteil der Finnen angesichts genauerer Statistiken über die Anzahl der weltweit verkauften Handys höchstens bei etwa 30 bis 32 % liegen kann.

Um den freien Fall abzubremsen, senkte Nokia seine Verkaufspreise für seine Geräte – nach unbestätigten Meldungen um bis zu 20 %. Womit vermutlich die in der Branche einmaligen Gewinnspannen von über 20 % der Vergangenheit angehören dürften. Der finnische Vorzeigekonzern ist in einen negativen Strudel geraten, und es wird nicht einfach werden, vor allem den Imageschaden zu begrenzen. Mehrere Investmentbanken haben folgerichtig in den vergangenen Wochen ihr Kursziel für Nokia deutlich nach unten korrigiert. Am düstersten sehen die Analysten von Morgan Stanley die Aussichten: Sie senkten das Kursziel auf etwa 8,50 Euro.

Dem allgemeinen Pessimismus zum Trotz darf aber nicht vergessen werden, dass Nokia bereits früher aus schwierigen Situationen gestärkt herausgekommen ist. Und tatsächlich gibt es auch Experten, die die derzeitige Krise der Finnen als Gelegenheit sehen. Das Anlegermagazin Barrons beispielsweise schrieb diese Woche, dass die Nokia-Aktie derzeit günstig sei. In der Tat hat der finnische Telekommunikationskonzern weiterhin exzellente Vertriebs- und Einkaufskanäle, die ihm einen schwer einholbaren Vorsprung vor der Konkurrenz verschaffen. Außerdem haben sich die Nokia-Manager stets als äußerst lernfähig gezeigt. Die etwa 40 neuen Handy-Modelle, die dieses Jahr noch von Finnland aus auf den Weltmarkt gedrückt werden, werden das vermutlich belegen. Und bei der Infrastruktur, als den neue Mobilfunknetzen wie etwa UMTS, verkürzten die Finnen nach Angaben des Analysehauses Gartner den Abstand zum Weltmarktführer Ericsson, der im vergangenen Jahr auf einen globalen Marktanteil von 30 % kam. Nokia liegt bei 25 % und ist damit die klare Nummer zwei. Es gibt sie also, die positiven Klingeltöne aus Helsinki, zumindest dann, wenn man als Anleger nicht den zu kurzen Atem hat.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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