Ausländer schwärmen für deutsche Aktien
Bleibe im Lande...

Während die Deutschen über Auswanderungspläne nachdenken und das Aufbruch-Gefühl vermissen lassen, begeistern sich ausländische Beteiligungsfirmen für deutsche Unternehmen.

Frankfurt/M. Jeden Morgen die gleichen müden Gesichter in der U-Bahn. Das ist Frankfurt, Deutschlands Finanzmetropole. Und dann die immer wiederkehrenden Gespräche mit Geschäftsfreunden über Auswanderungspläne. Von Aufbruch keine Spur – höchstens wenn Aufbruch als „Koffer packen“ gemeint ist.

Aber der Schein könnte trügen, die typisch deutsche Nörglerattitüde den Blick auf die Realität vernebeln. Bestes Zeichen: Das „smart money“ der klugen Investoren probt den Run auf Deutschland. Ausländische Beteiligungsfirmen und Kapitalsammelstellen begeistern sich für hiesige Unternehmen, blasen zur Schnäppchenjagd. Typisch auch, dass die Einheimischen zum Gegenschlag ausholen und eine eigene Jagd auf die Jäger initiieren: Kampf den widerlichen „Heuschrecken“ und anderen Schädlingen.

In diesem Stimmungsgewaber ist „Koffer packen“ als mentaler Befreiungsschlag doch keine schlechte Idee. So lässt man das innerdeutsche Generve hinter sich. Michael Keppler beispielsweise verabschiedete sich schon vor über einem Jahrzehnt und machte in New York seine eigene Anlagegesellschaft auf. Der Ex-Commerzbanker ist zwar auch Deutscher. Aber im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat er den amerikanischen Blick für das Wesentliche.

Präzise und ausdauernd sucht der Value-Spezialist nach den attraktivsten Aktienmärkten und nach billigen Papieren – mit beeindruckendem Erfolg. Wer vor 25 Jahren 100 Dollar in seine Strategie für die Börsen der Industrieländer investierte, besitzt heute 4 000 Dollar. Der Welt-Aktienindex von MSCI hat in diesem Zeitraum nur 800 Dollar eingespielt. Interessant ist, dass Keppler den deutschen Aktienmarkt zu den attraktivsten weltweit zählt.

Was ein Deutscher in der Neuen Welt denkt, das stellen höchstens noch Ur-Amerikaner in den Schatten. Und zum amerikanischen Urgestein zählt die weltgrößte Fondsgesellschaft Fidelity ganz sicher. In einer aktuellen Anzeigenkampagne rühren die Vermögensverwalter aus Boston die Werbetrommel. Es hat schon eine bizarre Note, wenn die nationalen Leser aufgeklärt werden: „Wir von Fidelity sind davon überzeugt, dass es sich lohnt, in Deutschland zu investieren. Denn es gibt viele deutsche Unternehmen mit starker Innovationskraft, hohem Gewinnpotenzial und außerordentlichen Zukunftschancen.“ Da ist sie wieder, die klassische Charakterkollision. Was der Deutsche als Risiko sieht, ist für den Amerikaner eine „opportunity“.

Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass es auch „amerikanische“ Deutsche in Deutschland gibt. Sie wissen, was sie an ihrem Aktienmarkt haben. Zu dieser Riege gehört Peter Huber, Chef der Huber Portfolio AG und alter Börsenhase. Der Fondsmanager rechnet vor: Die deutsche Börse hat im internationalen Umfeld unter den großen Konkurrenten das höchste Potenzial. Um 130 Prozent sollen die Kurse steigen, und da kommen die Dividenden sogar noch obendrauf. Zwar zielt die Prognose auf das Jahr 2015, aber immerhin. An der Wall Street sind Huber zufolge nicht einmal 20 Prozent drin.

Keppler, Huber & Co. versuchen, ihre Landsleute wachzurütteln. Eigentlich müssten sie jeden Morgen in den U-Bahnen mit zwei Fingern die Mundwinkel der Reisenden nach oben ziehen, ihnen so ein Lächeln entlocken, das nach gutem Zureden (mit guten Argumenten) auch aus eigenem Antrieb „halten“ würde. Die Botschaft wäre kurz und knapp: Koffer wieder auspacken und auch bei der Geldanlage an die alte Weisheit „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich“ erinnern.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%