Bitteres Lehrgeld
Viele Anleger lassen sich allzu leicht blenden

Nach wie vor verlieren deutsche Kapitalanleger Jahr für Jahr enorme Summen auf dem grauen Kapitalmarkt. Manchmal fragt man sich, wie leichtgläubig Menschen sein können, wenn mit vermeintlich hohen Renditen oder guten Referenzen geworben wird.

So steckten Anleger in den 90er-Jahren viel Geld in Zuckerkontrakte. Ihnen war weisgemacht worden, eine bevorstehende Schluckimpfung in China werde den Zuckerpreis in die Höhe treiben. Schlucken mussten nur die Investoren, und zwar ihre hohen Verluste. Aber nicht nur Zucker, auch Schneebälle hatten Konjunktur.

Als der European Kings Club vor zehn Jahren mit dem Verkauf „Letters“ genannter Zertifikate rund 850 Mill. DM einsammelte, beschied er „Letter“-Käufer, die wissen wollten, woher die 70 Prozent Rendite kommen: „Fragen Sie uns bitte nicht, wie wir das bewerkstelligen. Gehen Sie einfach davon aus, dass wir das können – zu unserem und ihrem Vorteil.“ Als das Schneeballsystem aufflog, war das meiste Anlegergeld weg. Wurde früher das schnelle Geld versprochen, so stehen heute der langfristige Vermögensaufbau und die private Altersvorsorge als Verkaufsargumente im Vordergrund. Und die Frage, ob es sinnvoll ist, sich zu diesem Zweck mit schier ewig laufenden Ratenverträgen an unbekannten Unternehmen zu beteiligen, bleibt vielfach aus. Dass am Anfang Verluste zu Buche stehen, macht auch nicht stutzig. Junge Unternehmen starten nun mal mit Verlust, das weiß schließlich jeder.

Obwohl die Beteiligung an Unternehmen schon kompliziert genug ist für jemand, der nicht als Gewerbetreibender, sondern als Arbeiter, Angestellter oder Beamter sein Geld verdient – es geht noch komplizierter.

So legt der „MSF Master Star Fund Deutsche Vermögensfonds I“ laut Prospekt „auf dem Fundament der Nobelpreis gekrönten Portfolio-Strategie“ an. Schlichter gesagt: Er verteilt das Risiko – in diesem Fall auf Unternehmensbeteiligungen, Immobilien, Wertpapiere und für Laien schwer durchschaubare Hedge-Fonds. Doch Fragen, wie dieses Anlagemodell konkret funktioniert, erübrigen sich scheinbar. Hauptsache andere haben es verstanden. Der Fondsmanager Walter Rasch, ein Berliner Senator außer Dienst, der Beiratsvorsitzende des Initiators DA Deutsche Anlagen AG, Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz, und Deutschlands älteste Ratingagentur für geschlossene Fonds, G.U.B., die den Fonds für „gut“ befand, gehören bestimmt dazu. Die Ratingagentur Scope Group attestierte, dass die Zulassungsvoraussetzungen für eine Notierung an der Düsseldorfer Gefox, einer Börse für Fondsbeteiligungen, erfüllt seien. Der Prospekt entspreche den Richtlinien des Instituts der Wirtschaftsprüfer und dem Anlegerschutz-Rating von Heinz Gerlach unterziehe man sich auch, stellte die DA heraus. Gerlach hatte immerhin das Beteiligungsmodell der Göttinger Gruppe als „modifiziertes Schneeballsystem“ entlarvt. Und wenn dann auch noch die renommierte Unternehmensberatung Roland Berger laut DA „die Besetzung der Organe mit anerkannten und erfahrenen Persönlichkeiten“ lobt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Doch alles ist schief gegangen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht stellte fest, dass der Fonds unerlaubte Geschäfte betreibt. Gefox strich den Fonds vom Kurszettel. Ein Insolvenzverfahren läuft. Und selbst die DA räumt ein, dass die Hälfte des Anlegergelds verbraucht ist.

Die Anleger sind wieder die Dummen. Sie haben sich blenden lassen von ehemaligen Polit-Promis, Fehlurteilen von Experten und vermeintlichen Qualitätsbeweisen. Dabei hätten es genügt, sich selbst zu fragen, ob hochriskante Unternehmensbeteiligungen und Hedge-Fonds die richtige Anlagen zur Altersvorsorge sind. Und wäre die Antwort dann noch nicht eindeutig ausgefallen, hätte der Vergleich der Nebenkosten dieses Fonds mit denen jener Wertpapier- und offenen Immobilienfonds, die der Aufsicht unterliegen, wohl dazu geführt, die Finger vom „Master Star Fund“ zu lassen.

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