Börsengänge in Deutschland nicht in Sicht
Frankfurt braucht einen neuen „Neuen Markt“

Die Situation ist kurios: Erst seit einer Woche ist der viel gescholtene Neue Markt Geschichte – der Kabelnetzbetreiber Primacom ist als letztes Unternehmen von dort in den Prime Standard gewechselt –, schon fordern Investmentbanker und Emissionsberater einen „neuen“ Neuen Markt. Der Grund dafür liegt auf der Hand: 17 Neuemissionen gab es seit Jahresanfang in Großbritannien, die meisten davon am so genannten Alternative Investment Market (AIM). Zu keinem einzigen Börsengang kam es hingegen in Deutschland. Schlimmer noch: Es ist auch in den nächsten Monaten kein einziger weit und breit in Sicht.

FRANKFURT. Kein Wunder also, dass die Branche sauer ist. Der neu geschaffene Prime Standard sei für Börsenkandidaten nicht attraktiv genug, heißt es allerorts. 382 Unternehmen sind derzeit dort gelistet und unterwerfen sich einem strengen Regelwerk. Als Nummer 383 hinzu zu stoßen, erscheint vielen Unternehmen nicht unbedingt als erstrebenswert.

Die Diskussion darüber, ob es in Deutschland einen Neuen Markt II im Stile des britischen AIM gibt, wirft indes die Frage auf, was zuerst da war, die Henne oder das Ei? Fakt ist: Kleine Unternehmen halten sich zurück, unter anderem weil sie im Moment keine für sie passende Börsenplattform sehen. Die Deutsche Börse argumentiert, dass man sich zwar mit entsprechenden Gedanken beschäftigt hat, es aber derzeit keinerlei Nachfrage gäbe. Da sich niemand von der Stelle bewegt, ist Stillstand angesagt.

Ganz anders die Situation in London. Dort gilt der AIM als Erfolgsgeschichte, populär vor allem wegen seiner niedrigen Zugangsvoraussetzungen. Sogar die Nothumbrian Water Group (NWG) – größte Emission seit einem Jahr an der London Stock Exchange (LSE) – wählte Ende Mai wegen der aktuell großen Popularität des Segmentes zuerst den Weg an den AIM, obwohl der Wechsel an den Main Market und die Aufnahme in den Mittelwerteindex bereits zum Jahresende anstehen wird.

Es dürfte deshalb nur eine Frage der Zeit sein, wann die Deutsche Börse ein ähnliches Modell präsentieren wird. Zwei Gründe sprechen dafür: Zum einen ist es nur so möglich, dass sie für Unternehmen mit einem Emissionsvolumen von rund 50 Mill. Euro wieder attraktiv wird. Die bisherigen Auswahlindizes um M-Dax, Tec-Dax und S-Dax sind für sie wohl auf lange Sicht reine Phantasie. Folge: Sie drohen in der breiten Masse von rund 400 Titeln zu verschwinden. Zum anderen rührt die LSE mittlerweile europaweit kräftig die Werbetrommel für ihr Erfolgsmodell AIM. Nicht nur in Frankfurt sieht man inzwischen die Gefahr, dass einheimische Unternehmen den Weg an die Themse antreten.

Doch noch in einem anderen Punkt unterscheiden sich AIM und der einstige Neue Markt ganz gewaltig. Während die Verantwortlichen für den Neuen Markt den Anlegern gegenüber stets die eigenen strengen Regeln betonten, die letztlich doch nicht vor Falschinformationen oder gar Betrügereien und kriminellen Machenschaften schützten, sind die Regularien am AIM sehr niedrig gehängt. Und dass es sich um ein „alternatives Investment“ handelt, sagt bereits der Name.

Auch deutsche Anlegern dürften inzwischen trotz aller schlechter Erfahrungen am Neuen Markt begriffen haben, dass bei einem solchen Investment sowohl Chancen als auch Risiken größer sind als beispielsweise im Dax. Gespannt dürfen sie deshalb sein, was die Deutsche Börse in Richtung neues Kleinwertesegment irgendwann einmal präsentieren wird. Nachdem die Neusegmentierung seit der vergangenen Woche endgültig abgeschlossen ist, wäre Zeit, sich intensiv diesem Thema zu widmen.

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