Börsenweisheiten führen oft in die Irre
Flüchtige Wahrheiten

Jeder Analyst erzählt etwas anderes, aber in einem Punkt sind sich fast alle einig: Aktien kaufen und für lange Zeit behalten bringt nichts mehr, weil die Börsen sich eher seitwärts dahinschleppen als wirklich zuzulegen.

DÜSSELDORF. Vielmehr sollten Anleger gezielt Titel mit überdurchschnittlichen Chancen kaufen und wieder verkaufen, wenn sie gut gelaufen sind. „Timing“ und zum Teil auch „stock-picking“ sind in, „buy and hold“ ist out, das simple Investieren in einen breiten Index gilt zumindest als fragwürdig. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Kombinieren beider Strategien.

„Stock-picking“ widerspricht dem alten und weit verbreiteten Ansatz. Früher hieß es, das Ein- und Aussteigen an der Börse nütze nur den Banken, weil sie jedesmal Gebühren kassieren. Es wurden Studien verbreitet, die belegten, dass die entscheidenden Sprünge an der Börse häufig an nur wenigen Tagen stattfinden – die die Anleger meist verpassen, weil sie zu spät einsteigen. Außerdem gab es eindrucksvolle Argumentationen dafür, dass sich die Auswahl einzelner Titel gar nicht lohnt, weil weltweit die Experten ungefähr gleich schlau sind und sich deswegen kein echter Vorsprung durch kluge Analysen herausholen lässt.

Welche Theorie stimmt nun? An den Finanzmärkten gibt es keine eindeutigen Wahrheiten. Wenn sich die Verhältnisse ändern, können auch richtige Theorien falsch werden oder umgekehrt. Häufig ist es so, dass Theorien desto falscher werden, je mehr Leute daran glauben. Ein einfaches Beispiel: Viele Jahre galt es als unumstößliche Weisheit, dass Aktien langfristig die beste Anlage sind. Irgendwann haben so viele daran geglaubt, dass eine gewaltige Börsenblase entstanden ist, die genau diese Theorie zerstört hat, da sie weit überhöhte Einstiegskurse erzeugt hat. Oder umgekehrt: Als niemand mehr geglaubt hat, dass sich Rohstoffe zur Anlage eignen, gab es wunderbare Einstiegskurse, die anschließend hohe Gewinne ermöglichten.

So besehen müssten also heute eher die alten Theorien richtig sein, weil sie zurzeit weniger verbreitet sind: Kaufen und Behalten und in breite Indizies investieren. Bei den neuen Theorien fragt sich zudem, ob sie nicht auf einem logischen Fehlschluss beruhen.

Kaufen und Behalten bringt zu wenig, lautet in der Regel die Argumentation. Und daraus wird gefolgert, dass man es anders versuchen muss. Aber es gibt keine Garantie, dass Strategie B gut funktioniert, bloß weil Strategie A nicht mehr funktioniert. Vielleicht funktionieren ja beide nicht. Vielleicht müssen wir uns einfach damit abfinden, dass die Finanzmärkte keine Goldesel mehr bereitstellen.

In der Praxis dürfte es häufig sinnvoll sein, verschiedene Ansätze zu kombinieren. Bei großen Aktien dürfte das Investment in Indizes häufig sehr sinnvoll, weil kostengünstig sein. Daneben entstehen aber gerade dadurch, dass viele kleinere Werte gar nicht mehr von Analysten beobachtet werden, neue Chancen für spezialisierte Vermögensverwalter, tatsächlich neue Perlen zu entdecken, auf die noch keiner gekommen ist.

Eine Berechtigung haben aber auch Fonds, die konsequent nach Bewertungskennzahlen billige Aktien kaufen und teure verkaufen. Häufig dürften sie gegenüber dem breiten Markt zumindest die Schwankungen glätten, also Risiko herausnehmen, was selbst dann eine große Leistung darstellt, wenn die Rendite langfristig durchschnittlich bleibt. Aber ob die unsystematische Auswahl einzelner Titel oder Kaufen und Verkaufen nach persönlicher Meinung und Markteinschätzung viel bringt? Auf diesem Weg können nur Genies den Index schlagen. Und manches Genie wird entzaubert, wenn seine Glückssträhne reißt.

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