Bulle + Bär
Abgeltungsteuer: Die Staatsabschneider

Walter P. aus K. jubelt: Er sitzt vor seinem Bildschirm und hat gerade 20 Prozent Gewinn abgeholt. Der Kauf der indonesischen Zementaktie an der Börse Jakarta war ein Volltreffer. Jetzt hat er für seine Frau und sich wieder ein paar tausend Euro gesichert und damit die kärgliche Rente aufgebessert. Aus der Not hat er eine Tugend gemacht – aber nur fast.

FRANKFURT. Wir schreiben das Jahr 2037. Walter P. ist in Nöten. Er ist Day Trader geworden und hält sich wacker; viele seiner Altersgenossen haben es nicht geschafft. Sie alle vertrauten erst auf Sprücheklopfer wie Norbert B. („Die Rente ist sicher“). Dann nahmen sie die Politikerappelle an die Eigenverantwortung ernst und sorgten privat vor. Auch das war nicht das Richtige.

Dabei hatte Walter P. große Hoffnungen in seinen Sparplan gesetzt – bei ihm war es ein Aktienfonds. Fleißig zahlte er jeden Monat 100 Euro ein und schwelgte schon in Zukunftsträumen. Drei Jahrzehnte später wäre er mit den erwarteten 150 000 Euro prima über die Runden gekommen. Dann kam die Abgeltungssteuer – auch für Veräußerungsgewinne. Keine Ausnahme für Sparpläne, kanzelten Politiker wie Peer S. die Kritiker damals ab. Ausgeträumt.

Der Rentner kam sich veralbert vor. Über 30 000 Euro gingen ihm wegen der 25-Prozent-Steuer durch die Lappen. Dazu kam die Inflation. Es war zum verrückt werden: Am Ende zahlte er Steuern auch auf die inflationsbedingten Scheingewinne. Neidisch erinnerte er sich an Albert F.; der war schlau gewesen und hatte sich nach Großbritannien aufgemacht. Die Engländer gaben ihm den notwendigen Freiraum beim Geld anlegen für die private Vorsorge. Andere Freunde hatten sich nach Belgien und in die Niederlande abgesetzt. Da ließ Vater Staat gleich ganz die Finger von Veräußerungsgewinnen.

Walter P. dagegen fehlte das nötige Kleingeld, um sich rechtzeitig davon zu machen. Er war zur Heimattreue verdonnert. Dafür muss er jetzt bis zum Ende seiner Tage in der Altersresidenz „Schöner Wohnen“ jeden Tag ranklotzen. Ab 9 Uhr früh heißt es: Anschaffen im Handelsraum. „Zock around the clock“, nennen das die betagten Damen und Herren. Jeder hockt vor seinem Bildschirm, ist verdrahtet mit weltweit fast 150 Börsen – und los geht’s. Staatlich gefördertes Day Trading sozusagen.

Es gibt nur Gewinner – und Verlierer. Die Gewinner dürfen bleiben, können mit ihrer Spielrendite die kleinen Zimmerchen bezahlen. Die anderen müssen ab unter die Brücke. Ein Glück für Vater Staat, dass er nie das Going Public wagte. Ein derart hartnäckiges und nachhaltiges Versagen der Führungscrew hätten Aktionäre längst mit Rausschmiss geahndet – von anderen Konsequenzen ganz zu schweigen.

So haben die Staatsabschneider über den boomenden Wertpapierhandel ein Belebungsprogramm für Banken und Börsen kreiert. Dank der Zockerei sind die Aktienkurse der Handelshäuser und Plattformen gestiegen. Immerhin. Aber Walter P. bleibt das Lachen im Halse stecken.

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