Bulle & Bär
Abgeltungssteuer: Klassik siegt

Glaubt man einschlägigen Umfragen, werden Investoren noch bis Jahresende ihre Anlageentscheidungen vor allem anhand eines Kriteriums treffen: Ist ein Anlageprodukt abgeltungsteueroptimiert oder nicht? Die viel wichtigere Frage ist jedoch eine andere.

DÜSSELDORF. Als optimiert gelten zum Beispiel Dach- und Mischfonds, die auch ab dem 1. Januar 2009 für Privatanleger steuerunschädlich zwischen Aktien, Anleihen und anderen Anlageklassen umschichten können. Auch Fondspolicen werden als steueroptimierter Ersatz für den Fondssparplan vertrieben.

Die viel wichtigere Frage ist jedoch eine andere. Sie lautet: Wird es das gewählte Produkt in zehn und mehr Jahren überhaupt noch geben? Oder müssen Anleger steuerschädlich umschichten, weil ein nun eilig aufgelegtes Produkt mangels Masse in einigen Jahren umstrukturiert oder geschlossen wird?

Schon in sieben Monaten, genauer: ab Freitag, dem 2. Januar 2009 wird die steuerliche Behandlung bei der Wahl der Anlageprodukte schlagartig keine Rolle mehr spielen. Aktien, Fonds, Anleihen, Zertifikate sind dann im Hinblick auf Neuengagements steuerlich gleich gestellt. Die Sonderkonjunktur für steueroptimierte und oftmals frisch aufgelegte und "optimierte" Vehikel wird dann beendet sein. Mittelzuflüsse werden versiegen, bis sich die Produkte bewährt haben und einen echten Mehrwert bieten.

Genau darin liegt die größte Gefahr für Anleger. Änderungen der Anlagepolitik oder mögliche Zusammenlegungen sind problematisch, wirbeln sie doch die in 2008 gewählte Depotstruktur durcheinander. Schließungen oder Kündigungen von Produkten - längst Alltag in der Finanzdienstleistungsbranche - wären eine Katastrophe, denn dann wären Neuanlagen abgeltungsteuerpflichtig. Doch oft folgen Zusammenlegungen und Schließungen wirtschaftlichen Zwängen - etwa dann, wenn das verwaltete Volumen so stark sinkt, dass Gesellschaften Anlageprodukte aufgrund von Fixkosten nicht mehr wirtschaftlich verwalten können.

Davon dürften in den kommenden Jahren vor allem Anlagevehikel betroffen sein, die ihre Existenzberechtigung aus dem jüngsten Steuer-Hype ziehen - ein Phänomen, an das sich in fünf oder zehn Jahren niemand mehr erinnern wird. Es geht nicht um Kleinigkeiten: Knapp 600 Fonds sind seit Jahresbeginn neu zum Vertrieb zugelassen worden, weitere 200 warten auf das grüne Licht durch die Finanzaufsicht.

Die Anteilseigner bei Produkten, die seit Jahren zu den Flaggschiffen ihrer jeweiligen Anbieter zählen, können gelassen bleiben. Zwar gibt es keine Garantien, dass es Klassiker wie den Templeton Growth, Fidelity European Growth, DWS Akkumula oder auch in zehn Jahren noch in ihrer heutigen Form geben wird. Letztlich ist aber ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten. Und in dieser Hinsicht ist die Überlebenswahrscheinlichkeit von Klassikern ebenso groß wie von langjährig etablierten Dach- und Mischfonds, größer zumindest als für viele zusammengeschusterte Steuer-Produkte.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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