Bulle & Bär
Abgeltungsteuer: Es geht um die Wurst

Seit einigen Monaten überbieten sich Banken, Versicherungen und Fondshäuser, neue Kunden mit Werbung zur kommenden Abgeltungsteuer zu locken. Dabei dient das Argument oft nur als Anlass, um den Anlegern weitere Produkte zu verkaufen. Die Banken schüren Angst vor der Steuer und nutzen die Bereitschaft der Anleger aus, ihre Depots umzuschichten.

FRANKFURT. Ein junger Mann geht zur Imbissbude. Er bestellt eine Bratwurst. Der Wirt, ein eher grobschlächtiger Typ mit Schnauzbart, nimmt die Wurst vom Grill, steckt sie in ein Brötchen, garniert sie mit Senf. Doch dann beißt er ein Viertel ab und reicht die angebissene Wurst an den verdutzten jungen Mann.

Die Szene ist aus einem Werbefilm von Legal & General, einer Versicherungsgesellschaft. Einfache Botschaft: Beim Kunden kommt weniger an als er bezahlt hat. Es geht um die Abgeltungsteuer, bei der ab Januar 2009 ein Abschlag von 25 Prozent auf Kursgewinne fällig werden soll. Für Anleger, die ihre Wertpapiere vor dem Stichtag erwerben, gilt dagegen Bestandsschutz. Selbst bei einem späteren Verkauf profitieren sie von den derzeitigen Steuerregeln.

Seit einigen Monaten überbieten sich nun Banken, Versicherungen und Fondshäuser, neue Kunden mit Werbung zur kommenden Steuer zu locken. Tausende Mitarbeiter haben die Banken für den Schlussverkauf geschult. In der zweiten Jahreshälfte wird die Werbewelle noch weiter anschwellen. Dabei dient das Argument Abgeltungsteuer oft nur als Anlass, um den Anlegern weitere Produkte zu verkaufen.

Die Banken schüren Angst vor der Steuer und nutzen die Bereitschaft der Anleger aus, ihre Depots umzuschichten. Nach einer Studie von TNS Infratest Finanzforschung im Auftrag der Commerzbank orientiert sich immerhin jeder zweite Depotinhaber beim Kauf von Wertpapieren an der kommenden Steuer. Den Umbau ihrer bisherigen Geldanlagen planen etwa 40 Prozent der Befragten. Die meisten dürften der Studie zufolge auf Fonds sowie in die staatlich geförderten Riester-Rentenverträge umsteigen. Dass besonders die Fondsanbieter mit Fernsehspots, Zeitungsanzeigen oder auf Internetseiten für ihre Produkte werben, verwundert daher kaum.

Noch herrscht "Schonzeit" für die Anleger. Mit diesem weidmännischen Bild wirbt etwa die Fondsgesellschaft Franklin Templeton auf ihrer Internetseite » www.anleger-schonzeit.de. Die Seite ist dekoriert mit schutzbedürftig schauenden Hirschen. Die Logik dahinter heißt wohl: So wie die Hirsche vor dem Jäger Angst haben, müssen Anleger das Finanzamt fürchten. Eine Empfehlung, wo sich das "Geld in aller Ruhe vermehren kann", gibt Templeton selbstverständlich auch. Die geschützte Futterstelle für Anleger heißt Templeton Growth Fund. Überhaupt scheint das Bedürfnis groß, das eher trockene Thema in Metaphern und Allegorien zu verpacken. Die Fondsabteilung des Bankhauses Metzler setzt auf einen Torero, der einem Stier die Stirn bietet. Der Metzler Torero Multi Asset nehme die Herausforderung durch die Steuer an, heißt es in der Werbung.

Dagegen ist die Wurst-Werbung von Legal & General sogar wohltuend witzig. Doch ob es wirklich Sinn ergibt, den Versprechungen der Werbung zu folgen, sollten sich Anleger in aller Ruhe überlegen und genau hinschauen. Eine schwache Rendite wird auch durch die Abgeltungsteuer nicht besser.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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