Bulle & Bär
Afrika-Zertifikate: Warnsignale vom Kap

Die erschreckenden Bilder gehen seit Tagen um die Welt. Ein Mob macht in Südafrika Jagd auf Ausländer. Dutzende Einwanderer sind bereits zu Tode gekommen, Tausende sind auf der Flucht. Auch die Börse in Johannesburg hat als Reaktion auf die Unruhen nachgegeben - allerdings eher moderat.

FRANKFURT. Die Regierung des Landes, das 2010 die Fußball-WM ausrichten wird, bringt die Gewaltwelle in arge Bedrängnis. Und auch die südafrikanische Wirtschaft leidet unter den Exzessen. Immerhin hat die Börse in Johannesburg als Reaktion auf die Unruhen bisher nur moderat nachgegeben. Dennoch zeigt das Beispiel des Landes, das stets als Vorzeigedemokratie Afrikas galt, wie hoch und zum Teil unkalkulierbar die Risiken auf dem Kontinent nach wie vor sind. Für Anleger kommt diese Erinnerung gerade recht. Werden sie doch in jüngster Zeit mit Angeboten überhäuft, die für Investitionen in Afrika trommeln. Ein halbes Dutzend Banken hat bereits Zertifikate auf den Markt gebracht, mit denen Anleger von den vermeintlich üppigen Kurschancen auf dem Kontinent profitieren können.

Die Versprechungen in den Produktbroschüren ähneln sich: "Ein Kontinent erwacht", heißt es bei der Commerzbank; die ABN Amro sieht den "Kontinent im Wandel". Für die Deutsche Bank ist Afrika der "Kontinent der Möglichkeiten". Einen Mangel an Argumenten für den Kauf ihrer Afrika-Zertifikate kann man den Produktmanagern nicht vorwerfen: Zuvorderst nennen sie den Rohstoffreichtum vieler Staaten, der diese in Zeiten hoher Rohstoffnachfrage zu Gewinnern der Globalisierung mache. Hinzu kämen ein florierender Tourismussektor, eine junge Bevölkerung und nicht zuletzt das enorme Nachholpotenzial des Kontinents, das angesichts gestiegener politischer und wirtschaftlicher Stabilität nun Profite verspreche.

Wie viel diese neu gewonnene Stabilität wert ist, zeigen aber die Bilder aus Südafrika. Sie holen die Anleger zurück in die Realität. Und in der gibt es für den gewaltigen ökonomischen Rückstand Afrikas - denn nichts anderes ist das von den Emittenten beschworene Nachholpotenzial in Wahrheit - fundamentale Gründe:

Misswirtschaft, Korruption, Epidemien und Kriege ziehen sich wie ein roter Faden durch die jüngere afrikanische Geschichte. Zahlreiche Staaten, die als Hoffnungsträger des Kontinents galten, sind daran bereits gescheitert.

In den Werbebroschüren der Zertifikate-Emittenten ist das allenfalls eine Randnotiz. Auf der Suche nach neuen Nischen im Wust von mehr als 300 000 Derivaten in Deutschland ist Afrika für sie ein dankbares Thema, das bald von neuen Modewellen abgelöst werden wird, wo dann ebenfalls großes Kurspotenzial lockt.

Auch in Afrika gibt es zweifelsohne Chancen. Diesen stehen jedoch immense Risiken entgegen. Die Unruhen in Südafrika beweisen, dass der Kontinent noch lange nicht da ist, wo Optimisten ihn bereits sehen. Dass Privatanleger inzwischen in vielen Ländern investieren können, ändert daran nichts. Die Tatsache allein, dass es Zertifikate auf Aktien aus Gabun, Nigeria und Sudan gibt, macht diese nicht zu sinnvollen Anlagen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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