Bulle und Bär
Aktienindizes: Mehr Schein als Sein

Es ist ein irritierendes Phänomen, dass europäische Aktien trotz einer Vervielfachung der Kurse in den letzten vier Jahren noch immer günstig bewertet sind: Parallel zum Kursanstieg kletterten auch die Gewinne der Unternehmen, und ein laufendes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der 50 größten europäischen Aktien von aktuell 11 ist tatsächlich alles andere als teuer.

DÜSSELDORF. Ein Blick in das Innenleben gängiger europäischer Aktienindizes liefert in Zeiten deutlich gestiegener Zinsen allerdings Argumente für Pessimisten. Denn die optisch günstige Bewertung verdankt der europäische Aktienmarkt vor allem den Bankaktien, die im Schnitt derzeit nur mit dem elffachen der laufenden Gewinne bewertet sind. Die Banktitel stellen mit einem Indexgewicht von aktuell 31 Prozent auch die mit Abstand größte Branche im paneuropäischen Auswahlindex Stoxx 50.

Inzwischen zeigt das für den Gesamtmarkt so wichtige Fundament der Bankaktien erste Risse. Mit einem Plus von nur 0,5 Prozent waren Bankwerte im ersten Halbjahr die zweitschwächste europäische Branche überhaupt. Auch der Ausblick ist durchwachsen: Erstens gelten Bankaktien als zinssensitive Werte schlechthin, und ein Ende der Zinserhöhungen durch die EZB ist derzeit nicht in Sicht. Zweitens ist auch die Ertragslage europäischer Banken - besonders in Großbritannien und Spanien - in hohem Maße von den lokalen Immobilienmärkten abhängig. Drittens dürften sich die Erträge aus Investment-Banking und Handel vielleicht nicht auf, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit doch in der Nähe ihrer zyklischen Hochs befinden.

Dennoch wandert derzeit in Europa durch die hohe Branchengewichtung rund jeder vierte in Indizes oder indexnahe Fonds investierte Euro in Bankaktien. Das ist unter dem Strich eine riskante Wette, obwohl gerade ein auf ganz Europa gestreutes Investment über Indexprodukte und Fonds eine solide Diversifikation suggeriert.

Zwar sind attraktive Alternativen rar. Nach einer Analyse von Credit Suisse sind derzeit 13 von insgesamt 18 europäischen Branchen im Hinblick auf ihr Kurs-Gewinn-Verhältnis teurer als im langjährigen Schnitt. Europäische Nahrungsmittelkonzerne sind mit dem 19-fachen, Chemie- und Einzelhandelskonzerne je mit dem 20-fachen und Industriewerte mit dem 21-fachen ihrer laufenden Gewinne bewertet.

Im Zeitalter von immer enger verflochtenen Volkswirtschaften dürfte künftig aber eine solide Streuung über Branchen wichtiger sein als eine Verteilung des Vermögens über verschiedene europäische Länder. In dieser Hinsicht ist sogar der deutsche Dax besser diversifiziert als gängige europäische Indizes wie Stoxx und Euro Stoxx 50. Denen könnte durch das hohe Gewicht der Banken bald eine Umkehr des Bullenmarkt-Phänomens blühen: Die Kurse sinken, und das KGV bleibt dennoch gleich, weil die Gewinne der Bankaktien schrumpfen.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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