Bulle und Bär
Aktienmarkt China – Blase auf Wanderschaft

Freiheit ist in China ein knappes Gut. Das gilt vor allem für Kapital. Umso größer ist die Freude, wenn die Volksrepublik den Kapitalverkehr etwas liberalisiert. So wie am Montag, als die Regierung verkündete, dass die gut 1,3 Milliarden Chinesen künftig ihr Geld auch im Ausland anlegen dürfen. Dass dieses Ausland zunächst auf Hongkong begrenzt bleibt, stört dabei wenig.

FRANKFURT. Analysten werten die Entscheidung Pekings als "historischen Schritt". Der Börse in Hongkong sagen sie gewaltige Kursgewinne voraus. Vorbild hierfür sind die chinesischen Festlandbörsen in Schanghai und Shenzhen. Sie profitieren zum einen vom immensen Wirtschaftswachstum in China, das im zweiten Quartal erneut kräftig um 11,9 Prozent zulegte und auch an den Unternehmensgewinnen nicht spurlos vorübergeht. Wesentlich entscheidender ist aber der Anlagenotstand der Massen. Die Zinsen für Spareinlagen halten mit der Inflation - im Juli lag die chinesische Teuerungsrate mit 5,6 Prozent so hoch wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr - nicht mehr Schritt. Daran ändert auch der jüngste Zinsschritt der Zentralbank nichts, da Guthaben über ein Jahr auch nach der Erhöhung um 0,27 Prozentpunkte lediglich 3,6 Prozent beträgt.

Fast zwangsläufig führt das die Kleinanleger an den Aktienmarkt. Im Ohr die Erzählungen vom Nachbarn, der hier in Kürze ein Vermögen gemacht hat, eröffnen die Chinesen in Scharen neue Wertpapierdepots. In Schanghai und Shenzhen hat sich im Zuge des Aktienfiebers eine beachtliche Spekulationsblase herausgebildet. Der CSI 300-Index, der die 300 wichtigsten A-Aktien - diese Titel sind Chinesen vorbehalten - beinhaltet, ist allein seit Anfang Januar um knapp 150 Prozent gestiegen. Auf Sicht von einem Jahr liegt das Plus noch einmal so hoch. Von den drei kräftigen Korrekturen seit Ende Februar spricht längst niemand mehr.

Dass ihnen die aufgeblähten Kurse Sorgen bereiten, haben Chinas Regierung und Notenbank nie bestritten. Alle verbalen Eingriffe verpufften jedoch ebenso erfolglos wie die Verdreifachung der Steuer auf Aktientransaktionen.

Mit der Öffnung der Börse Hongkong für Festlandchinesen hofft die Regierung nun endlich ein Ventil gefunden zu haben, um die überschüssige Liquidität an den heiß gelaufenen Festlandbörsen vorbeizuleiten. Ob diese Rechnung aufgeht, ist fraglich. So schnell werden die Chinesen den vertrauten Festlandbörsen nicht Lebewohl sagen.

Zudem könnte sich in Hongkong schnell ein neues Problem auftun. Wenn den Chinesen keine alternativen Anlagemöglichkeiten zur Aktie geschaffen werden, könnte es auch hier bald "Vorsicht, Blase!" heißen. Allein die Aussicht auf die Spargroschen der Massen ließ die Kurse in Hongkong seit Wochenanfang stark steigen. Der Hang Seng China Enterprise Index (HSCEI) hat seit Montag rund 15 Prozent an Wert gewonnen. Mit einem Plus von 82 Prozent auf Jahressicht hängt er dem CSI-300 zwar nach wie vor weit hinterher. Wer in Hongkong einen guten Schnitt machen will, sollte aber lieber nicht zu lange zögern.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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