Bulle & Bär
Aktientipps: Friedhof für Anleger

Aktientipps waren in den vergangenen Monaten selten verlässlich. Die Börse schaukelte auf und ab. Auf die Talfahrt folgte in den vergangenen Tagen eine leichte Erholung. Wie es weitergeht lässt sich kaum voraussagen.

FRANKFURT. Doch je größer die Schwankungen, desto größer wird auch die Zahl vermeintlicher Experten, die verunsicherte Anleger mit "guten Ratschlägen" in die Irre führen. Da werden Aktien empfohlen, die angeblich vor Finanzkrise und Konjunkturflaute gefeit sind.

Selbst vor dem Geschäft mit dem Tod wird nicht halt gemacht. Strategen haben jetzt die sicherste Branche von allen entdeckt: die Bestatter! Gestorben wird schließlich immer. Wenn sie das makaber finden, werden sie wohl auch kein Verständnis für SAC Capital Advisors und AQR Capital Management haben. Diese beiden Hedge-Fonds investieren ihr Geld in das börsennotierte Bestattungsunternehmen Service Corp International.

Hedge-Fonds-Manager sind im Allgemeinen nicht für ihre Zimperlichkeit bekannt. Auch in diesem Fall steckt eine kühle Rechnung hinter dem Plan: Es geht um rund 78 Millionen Amerikaner, die Mitte der 40er-Jahre bis Mitte der 60er-Jahre auf die Welt gekommen sind. Diese Jahre waren besonders geburtenstark. Erst die Antibabypille machte dem Baby-Boom ein Ende. Nun kommen diese Jahrgänge - die sogenannten Baby-Boomer - langsam in die Jahre und müssen früher oder später für immer abtreten. Etwa ab dem Jahren 2013 bis 2015, erwarten Experten, wird die Sterberate in den USA deutlich zulegen und damit auch das Geschäft für Bestatter. Eine einfache Kausalkette, hört sich einleuchtend an. Erst recht, wenn die Nachricht - wie in diesem Fall - über den Ticker einer großen Nachrichtenagentur läuft; nicht ohne den Hinweis, dass Analysten großes Potenzial für die Aktie sehen.

Doch bevor sie sich jetzt die Friedhofsaktie ins Depot legen, sollten sie fragen, ob Märkte wirklich so simpel gestrickt sind. In den vergangenen Jahren konnte man fast den Eindruck haben. In den Boomjahren war es verhältnismäßig einfach, sein Geld an der Börse zu vermehren. In Krisenzeiten lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Es gibt nach wie vor Aktien, die aufgrund ihrer aktuellen Bewertung oder erfreulicher Aussichten interessant sind. Aber das absolut krisensichere Papier gibt es nicht.

Was ist in den vergangenen Wochen nicht alles als "defensiver Wert" und damit als angeblich unerschütterlich angepriesen worden: Aktien von Versorgern, Goldminenbetreibern oder Ölkonzernen. Dazu müssen dann Begründungen herhalten, die so simpel sind, dass sie erstmal überzeugend klingen. Nach dem Motto: Wenn der Ölpreis steigt, müssen auch die Aktien der Konzerne steigen. Solche Tipps taugen nichts. Sie kommen meist von obskuren Börsenbriefen und Newslettern. Aber auch seriöse Medien und Analysten müssen ihre Botschaften in diesen Tagen selbstkritisch prüfen.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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