Bulle & Bär
Altrias teure Scheindividende

Aktionäre von Altria brauchen in diesen Tagen wieder einmal gute Nerven. 70 Prozent Tagesverlust des Tabakkonzerns ließen so manchen Anleger zu Wochenbeginn vermuten, das Unternehmen habe einen wichtigen Raucherprozess verloren. Tatsächlich hat Altria zu Wochenbeginn nur die Aufspaltung des Konzerns in eine US-Tabaksparte und eine internationale Division vollzogen.

DÜSSELDORF. Aktionäre von Altria brauchen in diesen Tagen wieder einmal gute Nerven. 70 Prozent Tagesverlust des Tabakkonzerns ließen so manchen Anleger zu Wochenbeginn vermuten, "Big MO", wie das Unternehmen aufgrund seines Börsentickersymbols an der Wall Street heißt, habe einen wichtigen Raucherprozess verloren. Tatsächlich hat Altria zu Wochenbeginn nur die Aufspaltung des Konzerns in eine US-Tabaksparte und eine internationale Division vollzogen.

Für Halter von Altria-Aktien ist das nach der Abspaltung der Lebensmittelsparte Kraft im März 2007 der zweite sogenannte Spinoff binnen eines Jahres. Und es ist auch die zweite steuerliche Katastrophe, die Privatanleger als Mahnung verstehen sollten.

Denn halten deutsche Finanzgerichte an der seit Jahren geltenden bizarren Interpretationen von Spinoffs wie im Falle Altrias fest, ruiniert eine einzige Umverteilung des Aktionärsvermögens gleich die Rendite von mehreren Jahren. Rein rechnerisch ist ein Spinoff für Anleger zwar ein neutrales Geschäft: Den herben Kursverlusten der ursprünglich gehaltenen Papiere steht die Einbuchung neuer Aktien gegenüber. So notierte Altria noch am vergangenen Freitag bei 47,50 und am Montag früh dann nur noch bei 14,50 Euro. Dafür erhalten Anleger aber für jede per Freitag gehaltene Altria-Aktie ein neues Papier von Philip Morris International eingebucht, das derzeit zu 33 Euro gehandelt wird.

Der Fiskus wertet derlei Spinoffs allerdings seit Jahren nicht als neutrale Transaktion, sondern als steuerpflichtige Dividende. Im Klartext: Die neuen Philip- Morris-Aktien im Wert von 33 Euro müssen Privatanleger wie eine Dividende - also zur Hälfte mit dem persönlichen Steuersatz versteuern. Ein Altria-Aktionär mit einem persönlichen Steuersatz von 40 Prozent wird so über Nacht um 14 Prozent ärmer. Abhilfe ist nicht in Sicht, denn greift ab 2009 die Abgeltungsteuer, müssen Anleger nicht länger die Hälfte, sondern gleich die volle Dividendenausschüttung mit dann 25 Prozent versteuern - automatisch, versteht sich. Die Verluste aus einer an sich vollkommen neutralen Abspaltung summierten sich im Falle Altrias so binnen eines Jahres auf mehr als ein Fünftel des Vermögens eines deutschen Altria-Aktionärs.

Ausnahmen sieht der Fiskus lediglich für Unternehmen vor, die einen Spinoff nach dem deutschen Umwandlungssteuerrecht vollziehen - ein Schritt, der naturgemäß nur deutschen Unternehmen offen steht. In Zeiten, in denen globale Diversifikation bei der Geldanlage immer wichtiger wird, ist das ein schwacher Trost.

Die Aussichten auf eine aktionärsfreundliche Auslegung der grotesken Regelung sind trübe: Das Finanzgericht Rheinland-Pfalz hat in dieser Sache 2004 und noch einmal 2007 gegen einen klagenden Anleger entschieden und keine Revision zugelassen. Solange keine Änderung in Sicht ist, sollten bei Privatanlegern also alle Alarmglocken schrillen, wenn ein ausländischer Konzern einen Spinoff ankündigt. kirchner@handelsblatt.com

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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