Bulle und Bär
Amazon-Aktionäre müssen sich auf einiges gefasst machen

Es muss pure Erleichterung gewesen sein, die die Investoren des Internet-Händlers Amazon Ende Juli erfasste: Fast 25 Prozent schoss der Kurs der Aktie an einem Tag nach oben. Zuvor hatte das Unternehmen verkündet, seinen Gewinn auf 78 Millionen Dollar gesteigert zu haben - mehr als das Dreifache des Vorjahresquartals. Endlich, so scheint es, kann Amazon-Gründer und-Präsident Jeff Bezos sein Versprechen einlösen.

FRANKFURT. Seit zehn Jahren verkündet er bereits, nicht nur den Einzelhandel zu revolutionieren, sondern damit auch noch ordentlich Geld zu verdienen. Bislang blieb das zweite Ziel weitgehend ein Versprechen - doch das soll sich jetzt ändern.

Manche Analysten überschlagen sich jetzt geradezu vor Begeisterung: "Wir glauben, dass Amazon in der besten Verfassung seiner Geschichte ist", sagt der E-Commerce-Experte Jeetil Patel von der Deutschen Bank. Die Amazon-Aktie sei die "beste Wahl in der ganzen E-Commerce-Branche." Das Unternehmen stehe erst am Anfang einer großen Wachstumsphase. Die Anleger scheinen ähnlich optimistisch gestimmt. Der Aktienkurs verdoppelte sich in den vergangenen sechs Monaten; nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen erreichte er mit 86 Dollar den höchsten Stand seit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000.

Es ist schon erstaunlich: Da präsentiert ein Internet-Unternehmen einen Gewinn von 19 Cent pro Aktie - und die Anleger stürzen sich auf das Papier. Zum Vergleich: Ein vermeintlich langweiliger, klassischer Titel wie Wal-Mart weist mehr als das Dreifache auf. Und der Konzern zahlt, anders als Amazon, sogar eine Dividende.

Zudem ist die Aktie bereits sehr hoch bewertet. Sie kostet rund das 50fache des für 2007 erwarteten Gewinns. Damit lässt Amazon selbst die nicht gerade billigen Papiere von Google oder Ebay weit hinter sich. Wie sich der Kurs weiter entwickelt, wird vor allem davon abhängen, ob Bezos die lange vermisste Kostendisziplin an den Tag legen wird. Der 43-Jährige ist berüchtigt für seine ausufernden Investitionen in das Warensortiment und die Technik. In den vergangenen Monaten schraubte er die Ausgabenzuwächse von 58 auf 20 Prozent zurück und ermöglichte dadurch erst das jüngste Gewinnplus.

Die neuesten Nachrichten aus dem Unternehmen sprechen allerdings dafür, dass es Bezos doch wieder in den Fingern juckt, neue, riskante Geschäfte anzugehen. Er testet die Auslieferung frischer Lebensmittel - ein Geschäft, in dem sich schon viele probiert haben und fast alle an den geringen Margen scheiterten. "Das ist nicht gesund für Amazons Gewinn", kritisiert Michael Souers, Analyst der Ratingagentur Standard & Poor?s, den Versuch.

Sollten derartige Experimente die Gewinne wieder belasten, müssen sich die Anleger auf einiges gefasst machen: Die Aktie schlägt erfahrungsgemäß nach unten ebenso stark aus wie nach oben: Ende Juli 2006 stürzte das Papier nach enttäuschenden Bilanzzahlen an einem Tag um 22 Prozent ab.

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel
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