Bulle & Bär
Amerikas Analysten sind bescheiden wie nie

Was für eine Bescheidenheit! US-Analysten trauen „ihren“ Unternehmen im kommenden Jahr im Schnitt nur ein Gewinnwachstum von 24,7 Prozent zu. Knapp 30 Prozent halten heimische Experten im Euro-Raum für möglich, 27 Prozent sind es in Großbritannien und den Schwellenländern. Die USA hinken hinterher – und sie tun gut daran.
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FRANKFURT. Das gab es, soweit sich die Menschheit erinnern kann, noch nie! US-Analysten sind gewöhnlich immer super-bullish. Da kann alle Welt von aufkeimender Endzeitstimmung an den Finanzmärkten sprechen wie im vergangenen Jahr. Oder sich über den Daueroptimismus lustig machen, wie eigentlich zu jedem Jahreswechsel.

Womit der Realitätssinn der Amerikaner zusammenhängt, darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht haben die personell deutlich reduzierten Analyseabteilungen den Experten die Augen geöffnet, wie es um die Wirtschaft steht.

Europas Analysten sind zu optimistisch

Zu Übertreibungen neigen aber offensichtlich weiter europäische Analysten, obwohl es um die Branche hier keinen Deut besser steht. Die Gewinne der Unternehmen sollen im kommenden Jahr kräftig sprudeln, auf dass von der Krise bald nur noch in Geschichtsbüchern zu lesen sein wird. Dieser Einstellung stehen immer mehr die Marktstrategen gegenüber. Diejenigen, die die große Linie eines Hauses vorgeben, kritisieren, dass ihr erwartetes Wachstum weit geringer ausfällt als die Summe der Einzelurteile der Analysten.

Diese Entwicklung gab es vor kurzem schon einmal, allerdings mit veränderten Vorzeichen. Im Spätsommer 2008 zeichneten die Marktstrategen ein immer trüberes Bild, während die Analysten weiter auf Optimismus machten. Die unerwartete Pleite von Lehman Brothers wenige Wochen später machte eine rasante Revision nach unten schneller nötig als viele dachten.

Von einem solchen Szenario sind wir nach aktuellem Stand weit entfernt. Man darf jedoch gespannt sein, wie die Märkte reagieren werden, wenn zu Jahresbeginn die ersten Unternehmen mit ihren Zahlen speziell für das vierte Quartal enttäuschen werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür besteht.

Droht dann ein unerwarteter Rückschlag? Die Gefahr besteht. Der Rückschlag dürfte aber bei weitem nicht die Dimensionen erreichen, an die sich die Märkte in diesem und im vergangenen Jahr gewöhnen mussten. „Top down“ zählt seit einiger Zeit an den Märkten und nicht „Bottom up“. Das heißt, der große übergeordnete Gesamtblick steht bei den Investoren weit über der Betrachtung von Einzelwerten, anhand derer sich ein Gesamtbild ableiten ließe. Die Anleger tun gut daran, an dieser Einstellung noch eine ganze Weile festzuhalten.

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