Bulle & Bär
Anleger bei Tech-Aktien vorsichtig

Seit Jahren steigen die Aktienkurse – bis auf einige Ausnahmen. Kritiker sehen sich bereits an den Crash der späten 90er Jahre erinnert. Doch zwischen jetzt und damals liegen zwei gravierende Unterschiede.

Seit mehr als dreieinhalb Jahren kennen die Kurse an den Aktienmärkten fast nur noch den Vorwärtsgang. Allmählich mehren sich die Stimmen der Mahner. Die Erinnerungen an die Börsenblase der späten 90er-Jahre und den anschließenden Crash werden nun wieder häufiger aus dem Gedächtnis gekramt.

Zwischen diesem unrühmlichen Börsenkapitel und der heutigen Marktphase gibt es allerdings zwei wesentliche Unterschiede: Zum einen steht die aktuelle Rally auf einem wesentlich stabileren Fundament. Zum anderen spielen die Protagonisten von damals zurzeit so gut wie keine Rolle. In der Gunst der Anleger rangieren High-Tech-Aktien ganz weit hinten.

Die Performance führender Technologiebarometer spiegelt das wider: Der US-Tech-Index Nasdaq 100 hinkt den Standardwerteindizes Dow Jones und S&P 500 seit zwei Jahren hinterher. Und der deutsche TecDax hält mit dem großen Bruder Dax nur deswegen einigermaßen Schritt, weil gut ein Fünftel des Indexgewichts auf Unternehmen der boomenden Solar-Branche entfällt.

Die Euphorie für diese Werte zeigt allerdings, dass die Anleger nicht fundamental gegen Zukunftstechnologien gestimmt sind. Was sie wollen, sind jedoch klare Wachstumsperspektiven. Und hier haben viele Anbieter aus der Telekom-, Halbleiter- oder IT-Branche im Moment einfach zu wenig zu bieten. Produktinnovationen werden seltener, hohe Gewinne sind eher die Ausnahme. Aus den dynamischen Wachstumsträgern von einst sind reife, aber langweilige Unternehmen geworden.

In den Bewertungen vieler Tech-Titel kommt das jedoch noch nicht zum Ausdruck. Zwar sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse im Vergleich zur Boom-Phase des Neuen Marktes deutlich moderater. Im Vergleich zu anderen, traditionelleren Branchen mit ähnlichen Wachstumsraten gönnt man der Technologie-Branche an der Börse aber immer noch einen Bewertungsaufschlag.

So lange dieser besteht, werden es Tech-Aktien in der Breite schwer haben, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Zum Teil versuchen die Unternehmen daher, die Investoren mit Dividenden anzulocken. Im TecDax schütten mittlerweile zwölf der 30 Unternehmen Geld an ihre Aktionäre aus.

An den Interessen der Anleger steuern die Firmen damit allerdings bisweilen vorbei. Diese suchen im Tech-Sektor in erster Linie keine kontinuierlichen Erträge, sondern aussichtsreiche Wachstumsstorys mit der Chance auf hohe Kursgewinne – und sind durchaus bereit, sinnvolle Investitionen in zukünftiges Wachstum zu honorieren.

Von Ausnahmen abgesehen bietet die Tech-Branche zurzeit jedoch wenig Phantasie. So lange sich das nicht ändert, sind deutliche Kurssteigerungen bei Tech-Aktien unwahrscheinlich und Übertreibungen wie Ende der 90er ausgeschlossen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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