Bulle & Bär
Anleger in der Psycho-Falle

Viele Aktien gibt es derzeit zum Schnäppchenpreis - aber kein Anleger will die Papiere haben. Experten warnen vor einem Wiedereinstieg, doch Ursache ist auch ein Stimmungstief an der Börse.
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Die Lage ist verrückt: Wenn jemand vor zwei Monaten vorhergesagt hätte, dass man heute Aktien deutlich günstiger erwerben könnte als damals, dann hätte das für großen Jubel gesorgt. Bei diesen hervorragenden Aussichten Aktien wieder zum Schnäppchenpreis kaufen zu können, das war in den Tagen vor Ostern unvorstellbar. Jetzt ist es so, nur will niemand die Papiere haben.

Grund dafür ist wieder einmal die Psychologie. Oder noch einfacher ausgedrückt: War damals alles toll, so ist heute alles schlecht. Deswegen raten die meisten Experten im Moment von einem Wiedereinstieg als zu früh ab. Und deswegen kauft im Moment auch niemand Aktien. Nun sind die Kurse in guten Zeiten aber mal nicht günstig. Und in schlechten Zeiten erfordert es Mut, gegen den Strom der vielfach anderslautenden Meinungen zu schwimmen.

Genau darin liegt das Problem: Herrscht an den Märkten eitel Sonnenschein so wie im ersten Quartal, dann zieht das jede Menge Mitläufer an. Je besser die Stimmung, umso mehr. Am Ende bestimmen nur noch sie das Bild. Überzeugungstäter sind hingegen in der Minderheit. So ist es heute wieder, nur in umgekehrter Richtung. Immer mehr Mitläufer nach unten reihen sich ein. Klar ist, dass irgendwann die Wende nach oben wieder einsetzen wird. Unklar ist, wann das sein wird. Bis dahin bleibt erst mal alles so, wie es ist.

Nun haben Stimmungen und Psychologie - Börsianer sprechen hier von Sentiment - in den vergangenen Jahren mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. In nachrichtenarmen Zeiten, wie wir sie im Moment wieder erleben, sind sie der bestimmende Faktor an der Börse. Das ist einerseits gut, zeigt es doch eine klare Erwartungshaltung der Anleger. Andererseits verdeutlicht es aber auch, wie wenig eigene Meinung sich die meisten Börsianer leisten. Sie laufen mit der Herde. Egal, in welche Richtung es gerade geht.

Nun ist dieses Phänomen bekannt, weshalb auch etliche Anleger mittlerweile Stimmungsbilder oder die sogenannte Sentiment-Analyse als Kontra-Indikator für ihre eigenen Entscheidungen nutzen. Vereinfacht ausgedrückt machen sie immer das Gegenteil von dem, was die Masse macht. Entscheidend ist dabei jedoch, den richtigen Zeitpunkt abzupassen. Man kann schließlich - wie so oft im Leben - auch zu früh dran sein. Aktuell warten sie noch, auf dass die Stimmung noch schlechter wird. In Position gehen sie jedoch schon mal. Um dann gewappnet zu sein, wenn überhaupt keiner mehr Aktien haben will.

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