Bulle & Bär
Auf den nächsten Aufschwung

Die Börsen stellen das gerade abgelaufene Quartal auf den Kopf. Denn ausgerechnet die statistisch betrachtet schwächsten drei Monate des Jahres entpuppen sich als großer Renner. Wer sich vorsichtshalber das Geschehen von der Seitenlinie aus anschaute, um im Schlussquartal wieder aufzuspringen, weil es traditionell das stärkste ist, könnte diesmal schief liegen. Schließlich verdüstern sich die Konjunkturwolken mit Blick auf 2007. Dennoch: Gerade der eigentlich so problematische September zeigte mit seinen Kursgewinnen eindrucksvoll, dass die Börsen auch für schwierigere Zeiten gut gerüstet sind.

Sechs Prozent gewannen die 30 Titel im Deutschen Aktienindex (Dax) von Juli bis September hinzu. Das entspricht mehr als der Hälfte der bisherigen Jahresperformance. Dabei waren die Voraussetzungen gar nicht gut. In London vereitelten die Sicherheitsbehörden einen großen Terrorangriff, Thailand erlebte einen Militärputsch, und prominente Unternehmen wie Yahoo und Daimler-Chrysler schockierten die Märkte mit niedrigeren Wachstumsprognosen. Doch die Börse steckte die schlechten Nachrichten genauso gut weg wie die trüberen Konjunkturaussichten. In den USA schwächte sich die Wirtschaft bereits im vergangenen Quartal deutlich ab, und alles deutet darauf hin, dass sich der Negativtrend 2007 fortsetzt. Das gilt auch hier zu Lande, wo die höhere Mehrwertsteuer zusätzlich die Stimmung verdirbt.

Sind Börsianer ignorant oder blauäugig, weil sie all die Gefahren nicht sehen? Denn nicht nur der Dax, auch die übrigen europäischen Börsen legen seit Monaten kräftig zu. Der amerikanische Dow Jones notiert sogar nahe seinem Rekordstand aus der Boomzeit zur Jahrtausendwende.

Darauf zu spekulieren, dass Anleger Gefahren ausblenden, greift jedoch zu kurz. Schließlich spiegelt die Börse die Meinung sehr vieler Marktteilnehmer wider. Sie ist damit durchaus repräsentativ. Allerdings sollte niemand die Ausgangslage vernachlässigen. Wenn die Börse diesmal nicht fällt, obwohl sich die Perspektiven eintrüben, dann ist das die Konsequenz daraus, dass sie zuvor nicht exorbitant gestiegen ist, als sich die Bedingungen deutlich besserten. Denn obwohl die Unternehmen so viel wie noch nie verdienen, notieren Dax & Co sehr viel niedriger als im Boom zur Jahrtausendwende. Anders ausgedrückt: Selbst wenn die US-Wirtschaft 2007 in eine Rezession schlittert, womit Pessimisten rechnen, bedeutet das keineswegs, dass die Börsen deshalb kräftig fallen müssen.

Dafür gibt es Beispiele. Mitte der 90er-Jahre kündigten sich auch schwächere Zeiten an, ohne dass die Aktienkurse einknickten. Warum? Niedrige Aktienbewertungen – so wie jetzt – schufen gemeinsam mit sinkenden Zinsen – sie stimulieren die Ausgaben der Verbraucher und Unternehmen – ein Umfeld, dass Anleger im Bewusstsein einer sehr fairen Bewertung ihrer Aktien bereits auf den nächsten Aufschwung spekulierten.

sommer@handelsblatt.com

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