Bulle & Bär
„Auge“ lässt grüßen

Mitunter können auch Fußballtrainer ein gutes Vorbild für Investmentbanker abgegen. Jedenfalls erinnert das derzeitige Frage- und Antwortspiel am Markt für Börsengänge stark an eine legendäre Pressekonferenz von Klaus Augenthaler.

FRANKFURT. Die Szenerie hat derzeit etwas von Klaus Augenthaler: Der knorrige Niederbayer erlangte im vergangenen Jahr Kultstatus mit einer legendären Pressekonferenz. Die dauerte exakt 43 Sekunden und gewann ihren bizarren Charme dadurch, dass sich "Auge" vier Fragen selbst stellte und diese auch beantwortete.

In ähnlicher Weise könnte sich derzeit das Frage- und Antwortspiel am Markt für Börsengänge abspielen. Einziger Unterschied: Es gibt nur zwei Fragen, die sich Investmentbanker ebenfalls selbst stellen und sie sogleich beantworten.

Die Einstiegsfrage heißt stets: Wie voll ist die Pipeline bei Börsenkandidaten? Und die dazu passende Antwort lautet natürlich: Die Pipeline ist gut gefüllt.

Dazu muss man wissen, dass die Pipeline grundsätzlich immer voll ist, wenn man Investmentbanker fragt. Auch in Jahren wie 2003, als es zum ersten Mal nach 1968 keinen einzigen Börsengang in Deutschland gab, war die Pipeline dem Vernehmen nach bestens gefüllt. Gerne verwendet wird in diesem Zusammenhang auch der direkte Vergleich der aktuellen Pipeline-Fülle mit einem Vergleichszeitraum. Die Antwort könnte deswegen auch lauten: Die Pipeline ist (noch) voller als vor einem Jahr.

Frage zwei lautet: Wie ist die Stimmung für Börsengänge? Die Antwort lautet in den meisten Fällen: Die Stimmung für Börsengänge wird zusehends besser.

Daraus lässt sich richtigerweise interpretieren, dass die Stimmung im Moment nur noch besser werden kann, weil sie sowieso schon ganz weit unten angelangt ist. Mindestens 25 Unternehmen haben im ersten Monat des neuen Jahres weltweit schon ihre Börsenpläne verschoben oder gestoppt. Da kann es nur noch aufwärts gehen.

Dem Investmentbanker geht es also wie einst Klaus Augenthaler: Beide müssen über Dinge reden, zu denen es im Moment eigentlich nichts zu sagen gibt. Deswegen flüchten sie sich in Allgemeinplätze, spielen auf Zeit und hoffen dabei insgeheim, dass es doch noch zur einer Wende zum Besseren kommt.

Wo "Auge" indes längst nicht mehr daran glaubte, womit er mit seiner kurz darauf folgenden Entlassung auch recht behielt, und sich in Sarkasmus flüchtete, hoffen viele Investmentbanker weiter auf bessere Zeiten.

Um das aktuelle Dilemma zu lösen, brauchte es eine dritte Frage, die lauten müsste: Was muss passieren, dass das so schlecht gestartete IPO-Jahr 2008 doch noch ein Erfolg wird? Das lässt sich ebenfalls beantworten, wenn auch nicht ganz so leicht wie die beiden vorherigen Fragen: Erstens müsste an den Märkten wieder ein gesundes Maß an Realität einziehen, zweitens müssten die Krisenängste um US-Rezession und Milliardenverluste bei den Banken abebben und drittens müssten Investoren ihre übermäßige Risikoaversion ablegen. Nur dann besteht die Chance, dass Pressekonferenzen zur Lage bei Börsengängen nicht bald einen ähnlichen Verlauf nehmen wie einst bei "Auge".

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