Bulle & Bär
Augen zu und kassieren

Mit viel Publicity beginnt am heutigen Freitag in Moskau der Handel von Gazprom-Aktien an der führenden RTS-Börse, die Aufnahme in den RTS-Leitindex am 15. März ist ebenso schlagzeilenträchtig. Parallel aber findet ein ebenso historisches Ereignis weitgehend unbemerkt statt: Die Verbrüderung der Staatswirtschaftler mit den Neoliberalen. Denn während der Kreml massiv die Verstaatlichung in immer mehr Industriezweigen betreibt, klatschen die Analysten der Investmentbanken Beifall. Statt Markt und Freiheit zu fordern, bejubeln sogar die als Heuschrecken verunglimpften Hedge-Fonds die politische Linie in Russland.

Jüngstes Beispiel: Die Gazprom-Aktien. Der Kreml hat im vorigen Jahr die Staatskontrolle über 51 Prozent der Anteilsscheine des größten Konzerns Osteuropas vollzogen. Am Neujahrsmorgen setzte die Firma durch das Zudrehen des Gashahns in Richtung Ukraine erstmals wieder Rohstoffe als Druckmittel ein. Nach europäischen Protesten wurde binnen Stunden mit heißer Nadel ein windiger Kompromiss geschlossen.

Demnach liefert der Moskauer Großkonzern Erdgas an den dubiosen Zwischenhändler Ros-Ukr-Energo für 230 Dollar pro 1000 Kubikmeter. Der soll dieses Gas für 95 Dollar an die Ukraine weiterleiten und mischt dazu billiges zentralasiatisches Erdgas hinzu. Während diese Rechnung kaum aufgeht, rechnet sich anderes Modell umso besser: Die Ukraine wird erklärtermaßen gar kein russisches Erdgas kaufen, sondern nur zentralasiatisches. Und Gazprom verkauft trotzdem Milliarden Kubikmeter des Energieträgers zu 230 Dollar an Ros-Ukr-Energo. Der Trader schickt dieses Gas dann statt in die Ukraine zu mehr als 250 Dollar nach Europa. Den Gewinn streicht dann statt Gazprom Ros-Ukr-Energo ein, nach Berechnungen der Agentur Dow Jones allein 3,1 Mrd. Dollar in diesem Jahr.

Dennoch feiern fast alle Moskauer Energie-Analysten den Vertrag als „trotzdem sehr positiv für Gazprom“, wie etwa die Moskauer Deutsche-Bank-Tochter UFG meint. Denn der Gasgigant könne als 50-Prozent-Eigner von Ros-Ukr-Energo „von dessen heftigen Gewinnmargen“ profitieren. Warum Gazprom das Erdgas nicht selbst nach Europa verkauft, sondern über den zweifelhaften Zwischenhändler, lässt das Geldhaus ebenso offen wie eine andere Frage: Warum stellt Gazprom sein Exportmonopol zur Disposition, das der Konzern bisher für „überlebensnotwendig“ darstellte.

Für diese Einäugigkeit gibt es nur eine Erklärung: Die chinesische Mauer, die angeblich zwischen Research- und Broker-Abteilungen in den Banken gezogen wird, ist gebrochen. Denn seit die Anfang dieser Woche aufgehobene Begrenzung des Ausländeranteils bei Gazprom-Aktien ruchbar wurde, haben Anleger und Analysten nur noch auf die rasanten Kursgewinne geschielt. Beide Augen hingegen wurden zugedrückt bei der weiter anhaltenden massiven Korruption im Gazprom-Management oder der inzwischen wieder sinkenden Erdgasproduktion.

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