Bulle & Bär: Bei Rohstoff-Zertifikaten bitte genau hinsehen!

Bulle & Bär
Bei Rohstoff-Zertifikaten bitte genau hinsehen!

Hausse? Boom? Oder doch ein Superzyklus? An Superlativen mangelt es dem Markt für Rohstoffe derzeit nicht. Zeit für zwei unangenehme Nachrichten für Rohstoffinvestoren.

FRANKFURT. Erstens: Inflationsbereinigt folgen die realen Preise für Rohstoffe seit etwa 80 Jahren einem Abwärtstrend. Zweitens: Die üppigen historischen Renditen von Rohstoffindizes, mit denen vor allem Emittenten von Zertifikaten trommeln, verdanken Investoren dem banalen Phänomen des Zinseszinseffekts.

Ein Grund mehr für Investoren, bei der Wahl eines Zertifikats auf Rohstoffindizes genau hinzusehen. Entscheidend ist, ob es sich um so genannte „Total Return Indizes“ handelt. Nur sie berücksichtigen – ähnlich einem Performanceindex für Aktien, der Dividenden einrechnet – auch die Zinseinnahmen eines Rohstoffengagements.

Die immense Bedeutung der Zinseinnahmen lässt sich mit dem besonderen Investitionsmechanismus der Anlageklasse Rohstoffe erklären. Indexanbieter erwerben die Rohstoffe nicht physisch, sondern bilden den Preis fortlaufend über den Terminmarkt ab. Schließlich sind sie nicht an einer physischen Lieferung von Rohstoffen interessiert. Für das Engagement am Terminmarkt benötigen sie allerdings nur rund zehn Prozent des Kapitals. Die übrigen 90 Prozent hinterlegen sie an der Terminbörse als Sicherheit. Diese Sicherheiten werden den Indexanbietern verzinst, meist mit der Rendite kurzlaufender US-Staatsanleihen, also mit etwa 4,5 Prozent pro Jahr.

Was dies für den Anlageerfolg bedeutet, unterstreicht ein Blick auf den bekanntesten Rohstoffindex, den Goldman Sachs Commodity Index (GSCI). Ohne Zinseinnahmen, als so genannter „Excess Return Index“, erzielten Anleger seit 1970 rückberechnet eine jährliche Rendite von pro Jahr 5,7 Prozent, in der Total-Return-Variante jedoch 12,7 Prozent. Wer 1970 10 000 Dollar in den Excess-Return-Index investiert hat, freut sich heute über ein Vermögen von 75 000 Dollar, wer der Total-Return-Variante den Vorzug gab, über 690 000 Dollar.

Angesichts dieser enormen Unterschiede verwundert es nicht, dass sich unter den hunderten in Deutschland offerierten Rohstoff-Zertifikaten gerade einmal ein gutes Dutzend auf Total-Return-Indizes beziehen – ein Bombengeschäft für Emittenten. Immerhin: Goldman Sachs als „Erfinder“ der GSCI-Indizes hat nach einer wahren Emissionsflut an Bonus-Airbag- und Indexprodukten auf Excess-Return-Indizes seit zwei Wochen Zertifikate in der Total-Return-Ausstattung auf die GSCI-Indizes im Angebot. Die Société Générale zog vergangene Woche mit einem Total-Return-Zertifikat auf den CRB-Rohstoffindex nach, und auch die RICI-Rohstoffindizes unter der Verwaltung von Rohstoff-Ikone Jim Rogers gibt es von ABN Amro in der Total-Return-Variante.

Die ist freilich nicht umsonst: Bis zu 1,75 Prozent Managementgebühren fallen hier pro Jahr an. Gegenüber dem Verzicht auf Zinseinnahmen sind jedoch Gebühren gerade für langfristig orientierte Investoren das kleinere Übel – der Zinseszinseffekt lässt grüßen.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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