Bulle & Bär
Belegschaftsaktien: Verlockende Falle

Die Bundesregierung schwingt sich zum Anwalt der Arbeiter auf. Steigende Unternehmensgewinne und nur moderate Lohnerhöhungen - hier sollte doch etwas für die Mitarbeiter drin sein. Und so beschloss das Kabinett, die Beteiligung von Mitarbeitern an ihrem Unternehmen stärker zu fördern. Doch die Idee hat einen entscheidenden Nachteil.

DÜSSELDORF. Beschäftigte sollen künftig von ihrem Arbeitgeber direkt Anteile von bis zu 360 Euro pro Jahr steuerfrei erhalten. Mit den Belegschaftsaktien werden die Mitarbeiter über die steigenden Aktienkurse am Unternehmensgewinn beteiligt und können etwas fürs Alter zurücklegen.

Doch mit dieser Regelung lockt das Kabinett die Beschäftigten in eine gefährliche Falle. Denn die scheinbar so lukrative Idee hat einen entscheidenden Nachteil: Die Mitarbeiter sind nicht nur am Gewinn ihres Unternehmens beteiligt. Fährt der Arbeitgeber Verluste ein, sinkt der Aktienkurs. Wenn es schlimm kommt, muss das Unternehmen vielleicht sogar Stellen streichen. Dann sind die Mitarbeiter gleich doppelt getroffen: Der Job ist weg und der sinkende Aktienkurs lässt das Angesparte gleich mit wegschmelzen.

Finanztheoretiker, Verbraucherschützer und Investment-Verbände monieren zu Recht, dass die neue Regelung jeder vernünftigen Anlagestrategie widerspricht. Die Maßgabe für ein optimales Portfolio ist die Diversifizierung: Eine weit gestreute Kombination der Anlageformen minimiert die Risiken und erhöht die Renditechancen.

Diese Grundregel lässt jedoch heute schon ein Großteil der Anleger unbeachtet. Dies ergab eine Studie der Frankfurter Goethe Business-School. Die Forscher haben rund 4 000 Anleger einer großen Direktbank befragt. Das Ergebnis: Die Sparer holen sich überwiegend Papiere der Branche ins Depot, in der sie auch arbeiten.

Dieses Verhalten ist durchaus verständlich: Kennen sich die Arbeitnehmer im eigenen Metier doch sehr gut aus. Doch die Vorteile des "Insiderwissens" stehen in keinem Verhältnis zum Risiko, dass sie eingehen. Nur in Finanzfragen sehr erfahrene Anleger verfallen laut der Studie nicht dieser Verlockung. Selbst Sparer, die sich in Finanzfragen professionellen Rat einholten, schneiden kaum besser ab.

Bisher sind nach Angaben der Bundesregierung nur zwei Millionen Arbeitnehmer an ihren Unternehmen beteiligt. Geht es nach dem Kabinett, sollen es drei Millionen werden. Doch statt allein die Zahl der Belegschaftsaktionäre zu fördern, sollte die Politik besser allgemein die Schar der Aktionäre vergrößern. Die hat sich seit dem Jahr 2000 fast halbiert.

Für Sparer gilt jedenfalls: Sie können die angebotene Förderung annehmen, nur sollten sie bloß nicht ihr gesamtes Gespartes in Aktien der eigenen Branche oder gar des eigenen Unternehmens stecken. Sie sollten besser auf ein paar Euro Steuerersparnis verzichten und dafür ruhig schlafen.

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