Bulle & Bär
Bilanzierung: Latentes Chaos

Eigentlich sollten die neuen Bilanzierungsregeln IFRS alles transparenter machen. Aufwendungen und Erträge werden danach zeitnah erfasst, wenn sie entstanden sind. Nicht erst, wenn sie sich in der Kasse bemerkbar machen. Doch dieses Prinzip führt in der Praxis zu wilden Gewinnsprüngen, die für Laien jeder Logik entbehren.

DÜSSELDORF. So hat die Unternehmensteuerreform in den Geschäftberichten der Konzerne für 2007 tiefe Spuren hinterlassen. Weil die Firmen ab 2008 weniger Steuern zahlen, hat das bei vielen Unternehmen die Gewinne 2007 gedrückt. Allein bei der Deutschen Telekom haben steuerliche Effekte den Gewinn 2007 rein buchhalterisch um das Sümmchen von rund zwei Mrd. Euro niedriger ausfallen lassen, ohne dass ein Euro weniger in die Kassen geflossen wäre.

Das klingt widersinnig, hat jedoch seinen Grund: Künftige Steuerersparnisse werden nach IFRS schon im Voraus verbucht - der Fachbegriff heißt "latente Steuern". Mit der Unternehmensteuerreform sanken die Steuern und prompt mussten solche Posten quer durch den Dax nach unten korrigiert werden, weil die Konzerne künftig weniger Steuern sparen.

Bei der Telekom fielen die Korrekturen besonders hoch aus. Sie hatte über Jahre kräftig investiert, in Netze und Lizenzen etwa, und dabei Verluste produziert, die sie später bei der Steuer geltend machen kann, wenn die Investitionen Gewinn bringen (Verlustvortrag). Die künftigen Steuerersparnisse wanderten als Guthaben beim Finanzamt in die Bilanz. Mit der Steuerreform fallen sie niedriger aus, 2007 ein Aufwand von 660 Mill. Euro. Bei RWE hat die Steuersenkung 2007 den Gewinn um 256 Mill. Euro reduziert, bei Siemens um knapp 400 Mill. Euro. Auch kleinere Unternehmen, wie etwa die EM.Sport Media AG melden 2007 einen "Einmalaufwand von 2,4 Mill. Euro aus der Neubewertung latenter Steuern infolge der Unternehmenssteuerreform."

Das ist oft noch nicht alles. Bei der Telekom kamen zuletzt umfangreiche steuerliche Effekte aus den USA hinzu. Dort zeichnet sich seit 2005 ab, dass Gewinne früher fließen als erwartet. Damit war auch in absehbarer Zeit mit immensen Steuerersparnissen zu rechnen, denn auch in den USA hatte die Telekom zunächst nur teuer investiert und wenig verdient. 2005 nahm die Telekom als Habenposten latente Steuern aus dem US-Geschäft in Höhe von 2,2 Mrd. Euro in die Bilanz, 2006 noch einmal 1,3 Mrd. Euro. Riesige Brocken, die jedes Mal den Jahresüberschuss entsprechend aufbesserten. Doch 2007 gab es keinen latenten Gewinnsegen aus den USA mehr, entsprechend geringer fiel das Ergebnis aus.

Es droht noch mehr Chaos. Spätestens im dritten Quartal müssen Anleger die latenten Steuereffekte von 2007 wieder herausrechnen, wenn sie die Zahlen von 2008 mit dem Vorjahr vergleichen. Am besten schauen sie dann gleich auf den Cash-Flow, auf das was tatsächlich in die Kassen geflossen ist. Beim Gewinn müssen sie viel zu viele Fußnoten lesen. hussla@handelsblatt.com

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