Bulle & Bär
Börse Moskau: Abhängig vom Zaubertrank

Wir befinden uns im Jahr 2008. In ganz Europa bröckeln die Aktienkurse. In ganz Europa? Nein! Eine einzige unbeugsame Börse hält sich im Plus. Der russische Aktienindex (RTS) hat sich in den vergangenen sechs Monaten behaupten können. Zwar nur knapp, aber deutlich besser als die anderen großen europäischen Indizes. Denn Russland hat den Zaubertrank.

FRANKFURT. Von Amsterdam bis Zürich haben die Börsen im selben Zeitraum zweistellig verloren: Der britische FTSE 100 liegt etwa 11 Prozent im Minus, der deutsche Dax fast 16 Prozent und der französische CAC 40 rund 17 Prozent.

Was die Russen haben, was andere nicht haben: den Zaubertrank. Russland ist der zweitgrößte Ölexporteur nach Saudi Arabien. Seit zehn Jahren erlebt das Land ein enormes Wirtschaftswachstum, getrieben durch den ständig steigenden Ölpreis. Das hat auch den Öl- und Gaskonzernen wie Lukoil und Gazprom einen unheimlichen Boom beschert und die Börse in Moskau mitgezogen. Im RTS kommen die Energieaktien zusammengenommen auf etwa die Hälfte der gesamten Marktkapitalisierung.

Geht die Rally weiter? Nach Meinung der Analysten von Sachs wird die Rally sogar an Tempo zulegen. Sie prophezeien, dass der RTS-Index in den nächsten zwölf Monaten um zwanzig Prozent zulegt. Grund dafür seien zum einen die Steuersenkungen für russische Ölfirmen, die demnächst beschlossen werden sollen. Zum anderen dürfte nach Ansicht der der steigende Ölpreis die Gewinne der Ölfirmen sprudeln lassen. Zur Erinnerung: Vor kurzem hatte Sachs einen Ölpreis von 200 Dollar je Barrel vorausgesagt. Noch höher legte jetzt Alexej Miller die Latte. Der Gazprom-Chef geht davon aus, dass ein Fass schon "in absehbarer Zeit" 250 Dollar kosten wird.

Doch bevor sich Anleger nun auf russische Aktien stürzen, sollten sie einen Moment inne halten. Die Börse in Moskau ist - verglichen mit westlichen Märkten - wenig liquide, das gehandelte Volumen bescheiden. Hohe Kursschwankungen sind also inbegriffen. Der Wunsch des neuen russischen Präsidenten Dimitrij Medwedjew, Moskau möge zum weltweiten Finanzzentrum aufsteigen, ist noch weit von der Wirklichkeit entfernt.

Im Übrigen sind die Erwartungen an die Ölkonzerne mittlerweile so hoch, dass sie eigentlich nur enttäuscht werden können. Das hat man zuletzt bei Lukoil gesehen. Das Unternehmen hat seinen Gewinn im ersten Quartal mehr als verdoppelt. Analysten hatten aber noch mehr erwartet. Die Aktie brach daraufhin um mehr als sechs Prozent ein. Was wird erst los sein, wenn und Miller nicht recht behalten und die Ölpreis-Blase eines Tages platzt?

Sein Geld in einzelne Aktien zu stecken, ist viel zu riskant. Selbst bei Russlands-Fonds und Zertifikaten, die mittlerweile reihenweise angeboten werden, sollte eines klar sein: Ein Investment in Russland ist immer auch ein Investment in Rohstoffe. Wer das haben will, kann besser gleich in Rohstoffe investieren. Nicht über den Umweg einer Börse, die am Öl-Tropf hängt.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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