Bulle & Bär
Börsencrash: Die Rache des kleinen Mannes

Börsencrashs sind faszinierend. Besonders, wenn das eigene Depot nicht betroffen ist. Wie ein Schaulustiger sitzt man vor dem Bildschirm und gafft auf den Unfallort, die vielen Aktienkurven, die steil abfallen. In weniger als einem Jahr haben sich die Kurse halbiert, gedrittelt, teilweise gefünftelt.

FRANKFURT. Marktbeobachter suchen in diesen turbulenten Tagen nach Vergleichen. Wie war das nochmal kurz nach der Jahrtausendwende, als an den Börsen die Dotcom-Blase platzte? Ging es mit den Kursen seinerzeit nicht ähnlich rasant bergab? Fällt der Dax auch diesmal unter die 3 000-Punkte-Marke, so wie er es damals tat, nachdem er sich zwischenzeitlich sogar etwas erholt hatte? Ausgeschlossen ist das nicht. Vielleicht kommt es aber auch ganz anders; vielleicht ist - wie es so schön heißt - der Boden an den Börsen mittlerweile erreicht. Vergleiche können in die Irre führen.

Eines aber ist gewiss: Dotcom war die Börsenpleite des kleinen Mannes, dieser Crash ist es nicht.

Erinnern wir uns an die Euphorie Ende der 1990er-Jahre. Selbst in den Sparkassen-Filialen auf dem Lande herrschte Ausnahmezustand. Großmütter orderten Telekom-Aktien, die Kurse kletterten von einem Höchststand zum nächsten. Besonders beliebt waren Börsengänge. Die Unternehmen kannte meist kein Mensch, wozu auch? Von Vorteil war es, wenn sie irgendwas mit Bio und Technologie zu tun hatten. Der Rest war reine Formsache: Zeichnen und hoffen, dass man ein paar Aktien abbekommt. Am ersten Handelstag schoss der Kurs dann mindestens 20 Prozent in die Höhe. Alles andere war undenkbar. Es ging zu wie beim Metzger: "Darf es noch etwas mehr sein?" Gerne! Die Deutschen wurden gierig. Dann ging es bergab.

Die Kleinanleger traf der Crash mit voller Wucht. Sie waren zum größten Teil sehr spät auf den Zug aufgesprungen und nicht mehr rechtzeitig ausgestiegen. Sie hatten sich verführen lassen von der Gier und ihren Beratern, die sagten, die Kurse würden weiter steigen. Gut verdient haben die Banken an Ordergebühren und die Großinvestoren, die viel früher eingestiegen waren und davon profitierten, dass die Kleinanleger die Kurse antrieben.

Seither ordert die Großmutter keine Aktien mehr. Die Gier ist der Angst gewichen. Den folgenden Aufschwung, der den Dax 2007 wieder über 8 000 Punkte trug, haben die Privatanleger ebenso verschlafen wie den Absturz der vergangenen Monate. Der traf diesmal die Großen, unter anderem Finanzinvestoren wie J.C. Flowers. Die Amerikaner hatten sich zu 22,50 Euro je Aktie bei Hypo Real Estate eingekauft. Heute sind die Papiere nicht einmal mehr drei Euro wert.

Ein wenig Schadenfreude der Kleinanleger darf erlaubt sein. Sie könnten nun zu Kursen einsteigen, bei denen die Großen verkaufen müssen, weil sie das Geld an anderer Stelle dringender brauchen. Mit Blick auf die Abgeltungsteuer gar keine so schlechte Ausgangsposition. Es wäre die späte Rache des kleinen Mannes.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen
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