Bulle & Bär: Börsenweisheiten
Ein Mai ohne Schrecken

"Sell in may and go away" - eine Börsenweisheit, mit der sich die Märkte zum Monatswechsel wieder auseinandersetzen müssen. Obwohl diese Regel mit Fakten kaum zu untermauern ist, hält sie sich hartnäckig. Sicher ist dabei nur, dass alles, was im Mai geschieht, nichts mehr mit dem Monat an sich zu tun hat.

FRANKFURT. Wir schreiben den 30. April, und allmählich müssen sich Anleger zwangsläufig wieder mit der alten Börsenweisheit "Sell in may and go away" auseinandersetzen. Schließlich hat die Frage um die Bedeutung dieser altgedienten Regel für Börsianer ähnliche Dimensionen wie die alljährliche Diskussion, ob in der Vorweihnachtszeit wegen des mauen Handels schon die Bücher geschlossen sind: Jeder redet darüber, aber eigentlich ist es völlig egal.

Wer auf die Entwicklung des Dax in den vergangenen 20 Jahren schaut, der sieht kein überwältigendes, aber immerhin ein solides Plus von im Schnitt 0,7 Prozent in diesem verschrieenen Börsenmonat. Genau wie im Januar und im März.

Wie kommt es also, dass diese von der Realität längst widerlegte Börsen-, oder besser Binsenweisheit nach wie vor fröhliche Urständ feiert. Früher, also in der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde an der wichtigsten Börse der Welt in New York das meiste Geld zwischen November und April verdient. Da war es draußen kalt und dunkel, was der Konzentration aufs Geschäft sehr dienlich war. Als es dann im Mai allmählich mit den Temperaturen bergauf ging und Frühlingsgefühle aufkamen, wich die angespannte Stimmung einer gewissen Leichtigkeit. Dieser Zustand dauerte in der Regel bis oft noch in den goldenen Oktober an. Kein Wunder, dass in dieser Zeit nur wenig Geld verdient wurde.

Dieses saisonale Muster ging lange Zeit auch deshalb so gut auf, weil es auf der Gegenseite die Aktiengesellschaften selber in dieser Zeit ebenfalls etwas ruhiger angingen ließen und in der Regel keine allzu dramatischen Meldungen herausgaben, die dann die Kurse belasteten. Wenn sich die Prognosen für das Jahr nicht halten ließen, dann fiel dies meist erst Ende des dritten oder Anfang des vierten Quartals auf. Das war für die Börsianer ein Zeichen, allmählich wieder in Fahrt zu kommen.

Diese guten alten Zeiten sind natürlich längst vorbei. Ein gutes halbes Jahr, in dem quasi mit Ansage kein Geld verdient wurde, kann sich heutzutage niemand mehr leisten. Erst recht nicht, seitdem in riesigen Handelssälen oftmals Tausende von Händlern nach attraktiven Gelegenheiten suchen, Hedge-Fonds sich positionieren und der Handel selbst zur globalen Angelegenheit geworden ist, wo quasi von jedem Ort der Welt rund um die Uhr die Kurse bewegt werden können.

Bleibt somit die Frage, was denn diesmal im Mai an den Börsen passieren wird? Mit Sicherheit nichts, was sich mit irgendeinem saisonalen Muster begründen lässt. Das lässt sich bereits jetzt schon sagen. Dafür dominieren gerade in diesem Jahr zu viele wichtigere Faktoren die Finanzwelt, die dort für weitaus mehr Aufregung sorgen als althergebrachte saisonale Muster. Einzig die Tatsache, dass die Börsianer mit steigenden Temperaturen mehr Gedanken für Aktivitäten außerhalb des Börsenhandels haben werden, das gilt wohl auch in diesem Jahr wieder.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%