Bulle & Bär
Chinas Börse: Das Märchen aus Fernost

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden an Chinas Börsen aus Kleinsparern Millionäre gemacht. Als der Schanghai Composite Index im vergangenen Oktober über 6 100 Punkte kletterte, schien nichts unmöglich. Eine Art amerikanischer Traum auf Chinesisch. Dieser ist nun allerdings vorerst vorbei.

FRANKFURT. Seit Monaten bröckeln die Kurse. Der Leitindex rutschte deutlich unter 3 500 Punkte ab; in gut einem halben Jahr wurden umgerechnet mehr als 2,5 Billionen Dollar verbrannt.

Bemerkt haben das wohl nur die 150 Millionen Chinesen, die ihr Erspartes unter dem Kopfkissen hervorgeholt hatten, um wenigstens ein bisschen vom großen Gewinn abzubekommen. Zwischen 2005 und 2007 hatten sich die Kurse versechsfacht!

Doch nun sind die hart erarbeiteten Yuan weg, viele der erst kürzlich eröffneten Depotkonten bereits wieder geschlossen. Im April sorgten mehrere spektakuläre Selbstmorde ruinierter Aktionäre für Aufsehen in der Volksrepublik.

Im Westen, in Europa und den USA haben sie von all dem nichts mitbekommen. China? Da war doch was: Die Unruhen in Tibet, die bevorstehenden Olympischen Spiele mit ihrem spektakulären Fackellauf über den Gipfel des Mount Everest - die rasante Talfahrt der einst hochgejubelten Börse findet nur am Rande statt, wenn überhaupt.

Die Börse in China scheint weit weg. Die Sorgen wegen der Finanzkrise sind viel wichtiger. Die Nichtbeachtung zeigt vor allem eines: Chinas Börse ist international noch lange nicht so bedeutend, wie viele das möglicherweise gedacht haben. Der Kursrutsch in Zeitlupe hat zwar kleinere Nachbarbörsen wie etwa die in Vietnam hart getroffen. Auf die großen Kapitalmärkte im Westen hatte er aber so gut wie keine Auswirkungen.

Chinas Obere taten in der Krise das, was sie immer tun, wenn es brenzlig wird: Regulieren. Mit einem Notprogramm versuchten sie, die Kurse zu stützen. Der Handel mit Aktien von Staatsunternehmen wurde begrenzt, um Verkäufe in großem Stil zu verhindern. Außerdem wurde die Aktienhandelssteuer von 0,3 auf 0,1 Prozent gesenkt. Der Plan funktionierte. Der Schanghai Composite legte am Tag, als die chinesische Regierung den Notfallplan verkündete, rund neun Prozent zu. Mittlerweile hat sich der Index bei über 3 700 Punkten stabilisiert.

Ob das Hilfspaket der Regierung langfristig den Markt stützen kann, ist Analysten zufolge aber mehr als fraglich. Die Experten von Morgan Stanley etwa raten ihren Kunden, an guten Börsentagen ihre Aktien zu verkaufen. Trotz des Kursrutsches sind chinesische Aktien noch immer relativ teuer bewertet. Die Werte des Schanghai Composite weisen im Durchschnitt ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 29 aus. Zum Vergleich: Die Aktien aus dem MSCI World Index liegen für dieses Jahr geschätzt bei 13,5.

Das chinesische Börsen-Märchen ist vorerst vorbei.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen
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