Bulle & Bär
„Crisis? What Crisis?“

„Crisis? What Crisis?“ Kaum eine längere Marktphase vergeht, in der nicht irgendein Analyst den Titel dieser alten Supertramp-Platte in die Welt herausposaunt. Nicht das einzige Zitat, das Experten in ihren Studien verwenden.

C. SCHNELL | FRANKFURT

Da ist er wieder im Gedächtnis, der von Orange ins Ocker changierende Sonnenschirm, der Mann im Liegestuhl mit geblümter Badehose, der weiße Tisch, der Drink, der Bastteppich und das Transistorradio. Das alles vor einer deprimierend grauen Kulisse einer britischen Industriemetropole.

„Crisis? What Crisis?“ lautete der Titel der vierten Platte, die die progressiven Rockstars von Supertramp im Jahr 1975 auf den Markt brachten und die eigentlich nie an den Erfolg des Vorgängers „Crime of the Century“ anknüpfen konnte. Bis die schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seit den 30er-Jahren kam. Seither vergeht kaum eine längere Marktphase, in der nicht irgendein Analyst den Titel der alten Supertramp-Platte mit dem markanten Cover wählt, wenn es darum geht, eine überraschend gute Nachricht zu feiern, die einen die Krise fast vergessen lässt. Am Montag trug übrigens eine Commerzbank-Studie zu H&R Wasag diese schnippisch-ironischen Worte.

Dies lässt einige Rückschlüsse zu. Zum einen über den Altersschnitt dieser Analysten, zum anderen lässt es wohl erahnen, welche Schätze bei ihnen zuhause noch im Keller liegen. Und dass ein Grundmaß an Humor (bzw. Galgenhumor) auch in noch so schwierigen Marktphasen dazu gehört.

Überhaupt fällt auf, dass relativ viele Marktexperten ihre Studien mit Titeln aus dem Bereich der populären Musik überschreiben. Die Überschriften der Kapitel einer Citigroup-Studie etwa deckten sich mit Musiktiteln der Rockband U2 („I still haven't found, what I'm looking for“ etc.). Bei den Volkswirten von ABN Amro neckte man sich einst öffentlich, in dem man die Vorliebe eines Kollegen für Gangsta Rap und goldene BMWs in Zusammenhang mit dessen Thesen setzte, mit denen sich dieser oftmals von der allgemeinen Marktmeinung abgrenzte.

Ein Song, der in der Krise in Analystenstudien ebenfalls fröhliche Urstände feierte und auch aus dem Jahr 1975 stammt, ist inzwischen jedoch out. „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“ von der Musikgruppe „Ton Steine Scherben“ wirkt nach den zuletzt so positiven Konjunkturnachrichten inzwischen von der Realität überholt.

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