Bulle und Bär
Das Gute am bösen Crash

Zugegeben, es fällt schwer, nach den herben Kursverlusten der vergangenen Tage Profiteure zu identifizieren. Dennoch entschärft der Crash an fast allen Aktienmärkten der Welt eine heikle steuerliche Zwickmühle: Einerseits verbleiben nur noch gut elf Monate, um für Neuengagements in Aktien oder Fonds in den Genuss von Bestandsschutz vor der neuen Abgeltungsteuer zu kommen.

FRANKFURT. Andererseits will niemand - Steuervorteil hin oder her - der letzte sein, der nach fünf Jahren Bullenmarkt zu Höchstkursen in den Aktienmarkt einsteigt. Hätte der Dax seinen im März 2003 begonnenen Kursanstieg im Börsenjahr unverändert fortgesetzt, wäre der 31. Dezember 2008 als großer Stichtag der Abgeltungsteuer an den meisten Aktienanlegern vorbei gerauscht. Keine noch so plausible Berechnung von Vor- und Nachsteuerrenditen oder noch so glaubhafte Beteuerung, langfristig spiele der Einstiegszeitpunkt keine Rolle, hätte die mehrheitlich noch immer skeptischen deutschen Anleger davon überzeugen können, zu einem Dax von 8 500 oder gar 9 000 Punkten ein Engagement in Aktien zu wagen.

Insofern ist die oft floskelhaft gebrauchte Klassifizierung von Kursverlusten als "gesunde Korrektur" zumindest im Hinblick auf notwendige Entscheidungen für Privatanleger durchaus angebracht. Die erdrutschartigen Verluste geben nun auch den Skeptikern an den Seitenlinien die Gelegenheit, Pläne für einen sehr langfristig orientierten Einstieg in den Aktienmarkt zu schmieden.

Besondere Eile ist dabei aufgrund der Schärfe der Korrektur nicht geboten, denn gemessen an der fulminanten Rally mit einer Verdreieinhalbfachung des Deutschen Aktienindex Dax binnen fünf Jahren fallen die bisherigen Kursverluste nicht einmal sonderlich groß aus. Fast fünf Jahren Bullenmarkt steht eine Korrektur von gerade einmal zwei Wochen Dauer gegenüber, und es bleiben noch über elf Monate Zeit, um steuerschonend zu investieren.

Clevere Anleger, die schon seit längerem eher an der Seitenlinie des Aktienmarkts stehen, legen sich daher am besten eine Strategie für von ihnen favorisierte Märkte zurecht, um kopflose Entscheidungen zu vermeiden. Denn historisch betrachtet sind Börsentage mit extremen Kursverlusten und extremen Kursgewinnen nicht gleich verteilt, sondern liegen sehr dicht beieinander.

Ein verlässliches Indiz für die Marktverfassung liefert dabei die Charttechnik in Form des gleitenden Durchschnitts der vergangenen 200 Börsentage. Seit der Deutsche Aktienindex Dax im Herbst 2004 bei seinerzeit 3 800 Punkten in einen steilen Anstieg übergegangen ist, sank er nur ein einziges Mal unter den gleitenden 200-Tage-Schnitt - im Frühjahr 2006 und dann auch nur für wenige Tage. Mit dem erneuten Fall unter diese Linie bei rund 7 700 Punkten lieferte er ein klares Ausstiegssignal. Vorsichtige Anleger warten schlicht mit Neuengagements, bis der Dax die Linie wieder von oben sieht.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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