Bulle & Bär
Dell wird angreifbar

Der Computerhersteller, der mit seinem genial einfachen Geschäftsmodell jahrelang die Konkurrenz überrollte, stößt an Wachstumsgrenzen. Zu lange hat der Anbieter auf das untere Verbrauchersegment gesetzt. Nun die Wende vollzogen - doch ob der Kunde Dell als Luxusanbieter akzeptiert, ist offen.

PORTLAND. Die Anleger sind gewarnt. Wenn Dell Inc., der größte Computerhersteller der Welt, Ende dieser Woche seine Zahlen für das dritte Quartal vorlegt, ist Enttäuschung angesagt. Zum zweiten Mal hintereinander wird Dell die eigenen Umsatz- und Gewinnprognosen nicht erreichen. Seit einem Jahr sinken die Wachstumsraten, und der Aktienkurs fiel in den vergangenen drei Monaten von 42,50 auf unter 30 Dollar. Das von Dell verkündete Ziel, bis 2009 den Jahresumsatz von rund 55 auf 80 Milliarden Dollar zu steigern, gilt mittlerweile als illusorisch. Der Konzern hat, so scheint es, die Grenzen seines Wachstums erreicht.

Nach Jahren fulminanter Expansion entdeckt Dell, dass es für einen 50-Milliarden-Dollar-Konzern schwieriger ist, um 20 Prozent zu wachsen als um 50 Prozent für einen 20-Milliarden-Dollar Konzern. Bei seiner jüngsten Gewinnwarnung machte Dell-Chef Kevin Rollins schleppendes Geschäft mit Verbraucherelektronik in den USA, Schwäche auf dem britischen PC-Markt und zu hohe Lagerbestände für die gedämpften Erwartungen verantwortlich. Die Reorganisation der Verbraucherelektronik, der Abbau von rund 1000 Jobs und die Korrektur eines Produktionsfehlers in Geschäfts-PCs wird das Betriebsergebnis im dritten Quartal zusätzlich mit 450 Millionen Dollar belasten.

Auf der Suche nach Wachstum wagte sich der Computerhersteller in Produktkategorien wie Musikspeicher und digitale Fernsehgeräte, in denen die Vorteile seines angestammten Geschäftsmodells nicht galten. Statt kostengünstig selbst und nur auf Bestellung zu produzieren, bezieht er die Geräte en gros von denselben Auftragsherstellern wie die Konkurrenz – und der billige Direktverkauf über Telefon und Internet erwies sich sogar als Nachteil: Käufer, die sich für einen Fernseher interessieren, gehen lieber zum Einzelhandel, wo die Auswahl größer ist.

Dell ist nicht der einzige Computerhersteller, der falschen Propheten auf den Leim gegangen ist, die den PC als künftiges Zentrum der digitalen Heimunterhaltung propagierten. Gateway zog sich aus der Unterhaltungselektronik zurück und Hewlett-Packard ließ die Ipod-Kooperation mit Apple fallen.

Dells Gewinnbringer ist der Verkauf von PCs an Firmen. Im Vergleich zu HP oder Sun ist Dells Forschungs- und Entwicklungsaufwand gering, der Direktverkauf spart die Handelsspanne, und die Produktion auf Bestellung minimiert die Kosten der Lagerhaltung, der Kapitalbindung und der Abschreibung veralteter Komponenten. Auf der Basis dieser Kostenvorteile jagte Dell auch im Einzelkundengeschäft der Konkurrenz mit Niedrigpreisen Marktanteile ab. Aber Privatnutzer erwarten technische Unterstützung nach dem Kauf, die viel Geld kostet. Zusätzlich stauchte der Fremdbezug von Geräten in wichtigen Wachstumsbereichen wie Notebooks und Drucker Dells Kostenvorteile gegenüber der Konkurrenz weiter zusammen.

Dell, so eine Studie von Goldman Sachs, habe zu lange mit Preissenkungen im unteren Verbrauchersegment Jagd auf hohe Wachstumsraten gemacht. Goldman sieht stärkere Betonung des Auslandsgeschäftes sowie einen Rückzug aus billigen Servern und Verbraucher-PCs als Weg zu höherer Profitabilität trotz schwächeren Wachstums. Für Dells Auslandsgeschäft, das heute 35 Prozent der Erlöse stellt, sieht Goldman jährliches Wachstum um ein Fünftel, während die Zuwächse des US-Umsatzes auf zehn bis zwölf Prozent sinken könnten.

Mit der Einführung einer neuen Designer-Serie und dem Angebot einer besseren Kundenunterstützung gegen Bezahlung vollzog Dell jüngst bereits eine strategische Wende. Offen ist indessen, ob Kunden Dell als Luxusprodukt akzeptieren und bereit sind, für guten Service zu zahlen, den sie früher kostenlos bekamen. Analysten äußern Skepsis, empfehlen die Aktie aber zum Kauf.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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